Vorläufig letztes Steinchen im Mosaik

Orgel des Kulturpalastes Dresden eingeweiht

Nach den großen Feierstunden im April und der Eroberung des neuen Konzertsaales durch die Dresdner Philharmonie und viele Gastorchester der Welt stand am Beginn der neuen Spielzeit noch eines aus: die Einweihung der neuen Konzertorgel. Die Firma Hermann Eule Orgelbau Bautzen hatte das Instrument in den letzten Jahren projektiert, angefertigt, eingebaut und nun schließlich intoniert. Der Plan war knapp – die ersten Konzerteinsätze erfolgten noch vor Abschluß dieser Arbeiten. Sowohl beim Auftakt der Philharmonie-Saison mit Gustav Mahlers »Sinfonie der Tausend« als auch dem ersten Palastkonzert mit dem Gewandhausorchester (Mendelssohn / Lobgesang) war das Instrument bereits beteiligt und fügte sich beide Male so harmonisch wohltönend wie prägnant in den Orchesterklang (die Neuen (musikalischen) Blätter berichteten von beiden Konzerten). Die dabei benötigten Register waren selbstverständlich bereits vorbereitet.

Am Freitag nun war es soweit: mit einem Festakt und -konzert wurde die neue Orgel eingeweiht. Dabei war die Liste der Festredner sogar noch länger als die der Organisten: fünf (bei vier Organisten). Neben Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert, dem Vorsitzenden des Fördervereins der Dresdner Philharmonie Lutz Kittelmann und Anthony Arnhold, dessen Familie einen wesentlichen Teil der erforderlichen Summe für die Orgel gespendet hatte, waren es vor allem Philharmonie-Intendantin Frauke Roth und die Geschäftsführerin der Hermann Eule Orgelbau GmbH, Anne-Christin Eule, welche die Bedeutung des Instrumentes für Dresden, die Musik im Konzertsaal und für all jene, die mit diesem Werk verbunden sind, hervorhoben.

Kreuzorganist Holger Gehring, der künftig kustodisch tätig sein wird, hatte für die erste Programmhälfte Werke mit Dresdner Bezug ausgewählt, darunter zwei der Studien für den Pedalflügel von Robert Schumann. Mit einer Bearbeitung Richard Wagners »Meistersinger«-Vorspiels überraschte er dennoch – zumindest den Rezensenten.

Da die Orgel künftig in den Dresdner Orgelzyklus eingebunden wird, trugen auch Johannes Trümpler (Domorganist an der katholischen Hofkirche / Kathedrale) mit Mendelssohns Orgelsonate B-Dur und Samuel Kummer (Frauenkirchenorganist) zum Abend bei. Samuel Kummer hatte für diesen Anlaß eine Improvisation über das »Reformationsthema« »Eine feste Burg ist unser Gott« mitgebracht, was in diesem Fall bedeutet, daß er das bereits einmal frei gespielte Stück nachträglich als Phantasie notierte.

Schließlich war es an der Reihe von Oliver Latry, Titularorganist von Notre Dame Paris, seine Residenz in Dresden mit einem Boléro von Charles Jacquet für Orgel und Schlagzeug sowie einer weiteren Improvisation zu beginnen. Diese war nun spontan – Latry durfte aus drei Umschlägen ein verborgenes Thema wählen. Er entschied sich für blau – »Der Mond ist aufgegangen«. Das vielleicht schönste Bild gab es im Anschluß, als der Organist sämtliche anwesenden Mitarbeiter des Orgelbauers zum Applaus auf die Bühne holte.

Nach all den Voraufführungen und feierlichen Konzerten fand am gestrigen Mittwoch das erste reguläre Orgelkonzert im Konzertsaal statt. Die Resonanz des Publikums war enorm – man kann nur hoffen, daß diese erhalten bleibt und auch mehr Neugierige für die drei Hauptkirchen gewinnt. Gerade die experimentellen, modernen Programme in der Kreuzkirche sind doch oft lohnend, ebenso wie der Silbermannklang in der Hofkirche manches Ausharren auch bei großer Kälte im Winter rechtfertigt.

Kustos Holger Gehring hatte für seinen ersten Abend englische Orgelmusik ausgewählt, aus gutem Grund: einerseits liegt hier (in England) die Wiege der sinfonische Orgelmusik bzw. der Konzertsaalorgeln, andererseits erreichen anglo-amerikanische Orgeln einen anderen, deutlich höheren Luftdruck im Anspiel der Pfeifen als mitteldeutsche oder kontinentaleuropäische – ein wichtiges Auslegungskriterium, das für die Eule-Orgel angewandt wurde, um die entsprechende Literatur spielen zu können.

Klar: in den ersten Konzerten möchte man das Instrument von seinen besten Seiten zeigen, alle Facetten ausleuchten, daß es festlich, volltönend klingen kann, es aber ebenso den feinen Gesang beherrscht. Edward Elgar war wohl zu bedeutend, um ihn zu einem solchen Anlaß zu umgehen, jedoch gibt es mehr als seine »Pomp and Circumstance« (wieder zu erleben zum Orgelkonzert am Silvestertag in der Kreuzkirche). Holger Gehring hatte sich für den »Imperial March«, einen Auszug aus der Orgelsonate G-Dur sowie eine Bearbeitung des »Chanson de matin« entschieden. Wirkmächtig setzte er die Orgel in Szene, prächtig, der kernige Klang ist nicht nur den Stücken gemäß, er paßt ebenso in den Raum. Das schließt die feinen Töne nicht aus – im Allegro maestoso der Orgelsonate sind es Vogeltriller, die betörend durch den Raum schwirren.

Geprägt war der Abend durch viele Wechsel. Percy Whitlock, Herbert Howells und Arno Landmann (mit Variationen über ein Thema Georg Friedrich Händels) zeugten deutlich von der Bereicherung, die das neue Instrument im Dresdner Musikleben bedeuten kann. Von Ferne oder ganz nah und dicht, rhapsodisch, romantisch schimmernd oder triumphierend – die Eule-Orgel beherrscht all dies. Die kommenden Programme dürften noch interessanter werden, wenn sie konzentrierter sind, es weniger Zwischenapplaus gibt.

14. September 2017, Wolfram Quellmalz

Lesen Sie auch unsere Konzertberichte:

Dresdner Philharmonie / Mahlers »Sinfonie der Tausend«

https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2017/08/28/ein-pruefstein-himmlisch-und-gewaltig/

Gewandhausorchester / Mendelssohn »Lobgesang«

https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2017/09/04/gruesse-aus-leipzig/

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