Ein wenig Besinnlichkeit

Wiener Sängerknaben beim Palastkonzert

Manchem mag der Termin für ein Weihnachtskonzert am Freitag vor dem 1. Advent etwas früh erschienen sein, dabei paßte es hier in Dresden noch ganz gut, denn die noch bis zum 21. Dezember (!) dauernde Tournée der Wiener Sängerknaben begann schon am 24. November, also noch vor dem Totensonntag (!). Der Anblick der Bühnendekoration mit Plastetannenbäumen und Geschenken erinnerte allerdings erschreckend an »Ein Kessel Buntes« und war wenig anheimelnd. Wer dann noch im von Marketingzahlen geprägten Programm blätterte, mußte sich in seiner Erwartung umstellen, zumindest, wenn er von einer vermeintlich typischen Prägung des Traditionschores ausging.

Es gibt auch gar nicht den Chor der Wiener Sängerknaben, konnte man aus dem Programmhefttext ebenfalls lernen, sondern vier Konzertchöre, wobei die Knaben – anders als hierzulande gewohnt – zwischen zehn und vierzehn Jahren alt sind. Mit Stimmen von Sopran bis Alt klingen sie daher deutlich heller als andere Chöre.

Das Programm reichte von traditionellen europäischen Weihnachtsliedern bis hin zu modernen Komponisten und Schlagern wie »Rudolph, the red-nosed Reinder«. Nicht nur in der Gegenüberstellung mit Bach und Händel konnte man Eric Whitacres »Glow« nahe am Kitsch empfinden. Allerdings waren die Titel gruppiert und folgten nicht durcheinander.

Einen Eindruck vom Klang, dem Klang der Wiener Sängerknaben, konnte man vor allem im Schlußchoral aus Johann Sebastian Bachs Kantate »Jesus bleibet meine Freude« bekommen, in Ausschnitten aus Camille Saint-Saëns »Oratorio de noël« sowie dem erst in diesem Jahr nach einem Text Hildegart von Bingens entstandenen »Ave generosa« von Ola Gjeilo. Für dieses Lied hatten sich die Sänger auf der Bühne verteilt und erklangen als Chor lauter Solisten. Durch die Helle der Stimmen erfuhren so leuchtende Lieder wie Georg Friedrich Händels »Joy to the World« oder »Adeste fideles« eine besondere Festlichkeit, wobei die Werke meist nicht original, sondern für Knabenstimmen und Klavierbegleitung bzw. a capella arrangiert gespielt wurden. Ganz besonderen Reiz entwickelten vier Lieder Benjamin Brittens aus seinem »A Ceremony of Carols« (»There is no Rose«, »Balulalow«, »This little Babe« und »Deo garcias«).

Soli und Solistengruppen sorgten immer wieder für zusätzliche feine Akzente. Allerdings zeigte sich auch, daß der recht kleine Chor (nur 24 Sänger) im großen Konzertsaal des Kulturpalastes etwas verloren war, was eine Schärfe der Stimmen zur Folge hatte, wenn der Chor dynamisch zu forcieren gezwungen war. Die Eingangsstücke wiederum kamen zu früh im Programm, um besinnlich zu wirken. So war es etwas schade um das Kleinod »Exsultate justi« des wenig bekannten Lodovico Grossi da Viadana, das mehr Beachtung verdient hätte – eines der Beispiele für die strahlende Klangschönheit des Chores!

Leiter Oliver Stech moderierte das Konzert reichlich zwischen den Liedgruppen und stellte unter anderem einige Chormitglieder vor. Die meisten Jungen kommen aus Österreich, zwei aus Japan, je einer aus Südkorea, Hongkong, den USA und Berlin.

Nach der Pause wurde es dann zunehmend englisch bzw. amerikanisch, denn – das verriet Stech ausblickend – im kommenden Jahr werde es eine große Gastspielreise dorthin geben. Außer »Rudolph« gehörten daher »Let it snow« sowie als Zugaben »Have yourself a merry little Christmas« und »Jingle Bells« zum Programm – da paßten die Kunstbäume vielleicht doch zum ziemlich bunten Programm.

2. Dezember 2017, Wolfram Quellmalz

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