Weihnachtsoratorium mit dem Kreuzchor

Kantaten IV bis VI in der Kreuzkirche aufgeführt

Angesichts der »Flut« von Aufführungen des Weihnachtsoratoriums lohnt es sich, zu hinterfragen, was uns das Werk denn eigentlich bedeutet. Für manche gehört es mittlerweile zur Tradition, ist einfach Teil des Weihnachtsfestes. Und angesichts der Tatsache, daß vor allem die ersten drei Kantaten schon vielfach in der Adventszeit erklingen, mag mancher denken (wie kürzlich in einem Zeitungsartikel geäußert), das »WO« gehöre zum allgemeingültigen »Alle Jahre wieder«. Daß dem mitnichten so ist, kann man jedoch erfahren, wenn man solche Veranstaltungen besucht. Denn abgesehen davon, daß mancher sich tatsächlich dem »Alle Jahre wieder« hingibt und die Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt nach dem »Teil 1« für ihn ebenso dazugehört wie die Aufführung selbst, nimmt das Publikum eben Anteil an dem, was da vorne vor dem Altarraum passiert. Man erkennt es daran, wonach der Besuch ausgewählt wird – von Studenten über die Gemeinden und regionale Chöre sowie Orchester reicht das Angebot in Dresden bis zum Kreuzchor und der Philharmonie. Und man muß nicht Albert Schweizer bemühen, um zu erkennen, daß alle Kantaten an einem Abend etwas viel sind. Nicht besser war es im dritten Programm des Fernsehens – dort war zu Heiligabend eine alte Aufzeichnung des Thomanerchores mit den Kantanten I bis III und VI und dem Gewandhausorchester noch mit Konzertmeister Christian Funke (seit 2013 im Ruhestand) zu sehen. Die Aufzeichnung aus dem 800. Jubiläumsjahr (2012) der Thomaner hätte eigentlich durch einen aktuellen Beitrag aus Dresden ersetzt werden können. Dem MDR lag wohl nicht daran.

Daran gelegen war aber den vielen Zuhörern, die am Sonnabend, dem Dreikönigstag, zur Vesperzeit in die Kreuzkirche strömten unter ihnen viele Kruzianer – das Weihnachtsoratorium ist für die meisten eben doch mehr als nur ein Konzert.

Das Solistenquartett aus dem Dezember (Kantaten I bis III, unsere Rezension unter: https://neuemusikalischeblaetter.wordpress.com/2017/12/20/weihnachtsoratorium-mit-dem-kreuzchor/) war für den zweiten Teil in drei Positionen neu gemischt worden: neben Tobias Hunger (Tenor / Evangelist) traten nun Elisabeth Breuer (Sopran), Marlen Herzog (Alt) und Henryk Böhm (Baß) auf. Aus den Reihen der Kruzianer hatte Julian Deckert (Knabensopran) das Echo in der Arie »Flößt, mein Heiland« übernommen.

Mit dem Chor – nach dem Jahreswechsel bereits wieder erfrischt und in harmonischem Glanz – begann die Aufführung. Erneut und immer wieder konnten die Knabenstimmen glänzen und von der Beseelung zeugen, die schon aus den Texten spricht. Egal, ob man diese auswendig kennt, mitliest oder sich musikalisch gefangennehmen ließ – es ist diese Berührung, die den Gedanken und die Botschaft vermitteln und weit über »Alle Jahre wieder« hinausgehen. Und so nahm wohl jeder einen wohltuenden »Ohrwurm« aus diesem Weihnachtsoratorium, dem vielleicht letzten »Akt« dieses Weihnachtsfestes für viele, mit auf den Heimweg. Nicht wenige werden die Choräle im Sinn gehabt haben oder den Eingangschor »Fallet mit Danken«, der die Zuhörer so unvermittelt ergriffen hat – der extrastarke Applaus für die Choristen ist nicht Gewohnheit, sondern dankbarer Beifall der Zuhörergemeinde.

Noch mehr als in der ersten Aufführung des ersten Teils konnte das Quartett der Sänger überzeugen, das – wie das Orchester – einer gediegenen Eleganz verpflichtet blieb. Beeindruckend ist immer wieder die klare Diktion Henryk Böhms, der milde, aber ganz deutlich zu vermitteln mag – ohne zu brummeln oder zu donnern. Elisabeth Breuer, Marlen Herzog und Tobias Hunger fanden im Terzett »Ach, wenn wird die Zeit erscheinen« in beeindruckender Schönheit zusammen. Die Tenorpartie ist hier mit manchen Tonstufen ausgestattet, die Tobias Hunger aber glänzend bewältigte, auch seine Evangelistentexte waren erneut klar verständlich und von liedhafter Qualität. Im Verlauf hatte der Tenor allerdings kleine Stimmwackler in den Arien.

Roderich Kreile führte an diesem Sonnabend zu Ende, was er Mitte Dezember begonnen hatte – wie schön! Denn viele der Besucher hatten beide Teile des Weihnachtsoratoriums in ihren Musikkalender geschrieben. Hier schloß sich nicht nur ein Kreis, er tat es auch äußerst stimmig!

Nicht genug loben kann man die Musiker der Philharmonie um Konzertmeister Ralf-Carsten Brömsel, die für Schwebung sorgten, einen tragenden Basso continuo schufen und immer wieder solistisch in Erscheinung traten. Neben dem Violinduett von Ralf-Carsten Brömsel und Gast Timothy Peters (zur Tenorarie »Ich will nur dir zur Ehre leben«) war es besonders Oboist Johannes Pfeiffer, der immer wieder als Partner der Sänger mit größter Präzision und Sanglichkeit beteiligt war.

7. Januar 2018, Wolfram Quellmalz

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