Entschleunigung zum Jahresende

Sächsisches Vocalensemble beschließt 2017 mit Bachs h-Moll-Messe

Es ist eines der in jeder Hinsicht merkwürdigsten Werke Johann Sebastian Bachs – seine Messe in h-Moll (BWV 232). Vieles wurde über Ursprung, Auftraggeber sowie Uraufführung geforscht, doch bleiben manche Fragen weiter unbeantwortet. Und so ist das Werk auch heute nicht dezidiert einem bestimmten Tag oder Fest zugeordnet. Chöre und Gemeinden verbinden die Aufführung dennoch in der Regel mit einem besonderen Anlaß, mancherorts gehört die Messe alljährlich zum Silvestertag – Traditionen entstehen heute immer noch und werden nicht nur beschworen.

Aber auch ohne eine Wiederholung an bestimmten Tagen ist die h-Moll-Messe eine Festmusik. Bei der Aufführung des Sächsische Vocalensemble am Silvestertag in der Annenkirche offenbarte Leiter Matthias Jung mit der Batzdorfer Hofkapelle eine große dynamische Spannweite und ein farbenreiches Spektrum, das von sanft berührenden Teilen wie dem einleitenden Kyrie bis zu den festlich-prächtigen Klängen des Credo reichte. Schon das dem Kyrie folgende Gloria hat viel der tönenden Pauken und schallenden Trompeten, die wir heute nicht nur mit dem Weihnachtsoratorium verbinden. Und doch erfolgte die Steigerung zwischen den Abschnitten ohne Bruch fließend – ein wesentliches Qualitätsmerkmal dieses Abends, der von tiefer Spannung geprägt war.

Dazu trug nicht minder ein äußerst stimmiges Quartett bei. Mit Miriam Feuersinger (Sopran), Susanne Langner (Alt), Markus Brutscher (Tenor) und Tobias Berndt (Baß) waren vier Sänger verpflichtet worden, die jeder für sich einen besonderen Solisten darstellen, sich an diesem Abend jedoch wieder ganz in Werk und Ensemble fügten. So gerieten gerade die Duette Sopran / Alt oder Sopran / Tenor besonders berührend. Ebenso konnte der Chor mit harmonischem Gesamtklang überzeugen wie mit den getrennten Stimmen, die fugiert oder versetzt nichts von ihrer Ausdruckskraft verloren – der Ausdruck stand an diesem Abend ganz offensichtlich an erster Stelle.

Und das ganz ohne daß der Eindruck entstanden wäre, jemand oder etwas wäre dem untergeordnet. So bereitete die Batzdorfer Hofkapelle ein musikalisches Bett für den Gesang, verlieh den leisen Tönen mit großer Leichtigkeit Ausdruck. Wiederum sorgten zwei Lauten statt Cembalo für charakteristischen und brillanten Klang des Basso continuo, für Soli standen hervorragende Bläser (Xenia Löffler / Oboe, Johanna Baumgärtel / Flöte) zur Verfügung, die Blechbläser ließen keine Wünsche offen.

Dieses Ineinander und Miteinander trug viel zur Spannung bei, die bis zum Schluß erhalten blieb. Verbindlich gerieten gerade solche Passagen, in denen von den Solisten zum Chor übergeleitet wurde, wie im Gloria (auf Domine Deus von Sopran und Tenor folgt Qui tollis). Einzig das Sanctus paßte sich diesem Verlauf mit einem stark geschmetterten Beginn und einer im Verhältnis langen Pause vor dem Benedictus nicht vollends an. Mit dem Agnus Dei formulierte das Vocalensemble einen goldenen Ruhepunkt und Friedenswunsch für das neue Jahr.

1. Januar 2018

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