Prächtiger Start ins neue Jahr

Musikbrücke des Collegiums 1704 verbindet auch 2018 musikalische Inseln

Verbindlichkeit und Unmittelbarkeit gehören zu den prägendsten Merkmalen des Collegiums 1704, und dies trifft in vielerlei Hinsicht zu. Musiker treffen hier zusammen, mehrheitlich aus Sachsen und Böhmen, oft sind Gäste aus Italien und der ganzen Welt zu Gast. Sie alle bilden aber eine Gemeinschaft, wie man sie so nicht noch einmal findet. In Prag wie in Dresden haben sie ein eingeschworenes Publikum, eine Gemeinde von Freunden, deren leuchtende Gesichter in jedem der Konzerte zu sehen sind. Die Stammplätze sind wichtig – in Prag numeriert (dort wird das Anrecht schon vererbt, heißt es), in Dresden kommen die treuesten Gäste ganz früh am Abend.

»Alte Musik« bedeutet nicht, daß hier museale Werke präsentiert werden – sie erklingen für das Publikum von heute, nicht für das von 1730, sagte Leiter Václav Luks in einem Gespräch. Den Collegia von Chor und Orchester gelingt es jedes Mal, einen inneren Gehalt hervorzuheben, die Stücke zu beleben. Und so vermittelt sich die Musik, die wohl unmittelbarste der Künste, auch ohne Vorkenntnisse dem Zuhörer. Wer sich ein wenig auskennt, dem eröffnen das Erspüren von Geheimnissen der Werke natürlich weite Spektren der Musik, der Geschichten, des Glaubens – beider Konfessionen übrigens. Denn auch das gehört dazu, daß die Musiker heute ebenso Werke der katholischen Liturgie spielen wie der lutherischen. Im 18. Jahrhundert war dies schließlich normal. Daß der Protestant Johann Sebastian Bach ebenso Messen vertont hat, ist das vielleicht berühmteste Beispiel – eines unter vielen, keine Ausnahme.

Am Neujahrstag standen auf dem Programm der Musikbrücke Prag – Dresden Leonardo Leos Dixit Dominus sowie Kantaten Johann Sebastian Bachs – katholische und evangelische Musik nebeneinander, wie schon so oft. Doch auch der Komponist, dem das Collegium besonders nahesteht, durfte nicht fehlen: Jan Dismas Zelenka wurde erstmals durch eine Aufführung seines Via Laureata in der Prager St.-Nicolas-Kirche 1704 erwähnt.  Diese Notiz ist der Grund, weshalb das Ensemble Collegium 1704 heißt. Mit der Sinfonia aus Zelenkas Sub olea pacis et palma virtutis begann der Abend. Das anläßlich einer Krönungsfeierlichkeit für den König von Böhmen Karl VI. uraufgeführte Werk hat bis heute nichts von seiner Pracht eingebüßt – leuchtender und freudvoller hätte man kaum beginnen können. Mit Trompeten, Pauken und großem Streicherapparat begrüßte das Collegium 1704 das neue Jahr jubilierend. Selten kommen die Prager in so besonders reicher Besetzung nach Dresden, doch diesmal gab es sich gegenübersitzende erste und zweite Violinen zu erleben. Gemeinsam mit den Oboen stimmten die beiden Stimmführer der Violinen einen Dialog an – purer Gesang schon hier.

Der räumliche Aspekt der Klangentfaltung ist ebenso wichtig wie das Gegenüber der Musiker, das wurde noch stärker in Leonardo Leos Vertonung des 110. Psalms klar, für den sich auch der Chor aufgeteilt hatte: links und rechts standen die Sänger auf den Emporen über dem Altarraum, sangen zunächst Text und Repetitionen (Dixit Dominus), dann die folgenden Teile wechselseitig. Mittendrin die Solisten, die – wie meist – zum Chor gehörten, was zur Homogenität der Aussage und zum gemeinsamen Verständnis beiträgt. Die ohnehin hohe Qualität gewann durch diesen Gesang von oben quasi eine himmlische Komponente, spätestens beim Tecum principium stellte sich der Eindruck von Engelsgesang ein. Allein himmlisch schön war es dennoch nicht, denn im Dominus a dextris unterstrichen dramatische Vocalstaccati den Tag des Zorns, da Herrscher »zerschmettert« werden, herausragend gestaltet durch das Gesangssextett Helena Hozová (Sopran), Aneta Petrasová (Alt), Václav Čižek und Krzysztof Mroziński (Tenor) sowie Tomáš Šelc und Martin Schicketanz (Baß).

Immer wieder phantastisch waren die Bläser, allen voran das prächtige »Blech«. Oboen und Flöten dagegen waren vor allem die ebenbürtigen Gesangspartner der Vokalsolisten. Die Traversflöte ist unter Freunden der Alten Musik vor allem wegen ihres weichen, farbenreichen Tones beliebt, noch einmal steigern läßt sich dies – selten zu erleben – wenn gleich zwei Soloflöten spielen, wie in Johann Sebastian Bachs Kantate »O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe« (BWV 34). Die Alt-Arie »Wohl euch, ihr auserwählten Seelen« (Aneta Petrasová) war ein wundervoller Höhepunkt! Unübertrefflich die geschmeidige Stimme, ganz dem Ausdruck des Herzstücks dieser Kantate hingegeben.

Manche musikalische Überraschung und Kleinode gehören stets zum Programm des Collegiums 1704. So wartete Jan Dismas Zelenkas Litaniae Lauretanae Consolatrix afflictorum‹ (ZWV 151) mit ungewöhnlicher Streicherintonation auf, während das Kantatenfragment »Nun ist das Heil und die Kraft« (Bach, BWV 50) das Bedauern um den Verlust der übrigen Teile nur verstärkt.

Ein beflügelndes Konzert, authentisch und verbindlich. Mehr davon gibt es am 21. Februar.

2. Januar 2018, Wolfram Quellmalz

Tip: Im nächsten Konzert der Musikbrücke am 21. Februar in der Annenkirche Dresden erklingt Antonio Caldaras Oratorium Maddalena ai piedi di Cristo (am Tag zuvor auch im Rudolfinum Prag zu erleben).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s