Klangszenen

Tonkünstlerverein der Sächsischen Staatskapelle zeigt sich neugierig

Von Wilhelm Busch ist überliefert: »Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden«, doch ist dies weder Bonmot noch Kritik (im Sinne einer Rezension) an der Musik an sich, es bezieht sich nur auf den vorbeiziehenden Bettelstudentenchor, der den Gärtner Knoll bei seiner Jagd nach dem Maulwurf stört. Als Zitat und aus dem Zusammenhang gerissen, sind diese Zeilen oft falsch gedeutet. Doch zum dritten Kammerabend in der Sächsischen Staatsoper spielte schließlich auch kein Bettelstudentenchor.

Selbstverständlich ist Musik mit Geräusch verbunden – damals wie heute. Schon zu Zeiten Bachs, Mozarts und Beethovens war das so und verhält sich jetzt nicht anders. Was sich aber durchaus geändert hat: damals hörten die Konzertbesucher (nahezu) ausschließlich zeitgenössische Musik. Selbst Mozart mußte feststellen, daß die Leute immer neues wollen und die Gattung des Klavierkonzertes außer Mode zu kommen schien, er verlegte sich mehr auf die Oper…

Und heute? Heute gilt es, Hürden zu überwinden, will man zeitgenössische Musik aufführen. Der Tonkünstlerverein der Sächsischen Staatskapelle scheute (sich) glücklicherweise nicht und tat es am gestrigen Dienstag. Und: natürlich ist Musik mit Geräusch verbunden! Heutzutage darf das durchaus auch als geräuschhaft verstanden werden, denn schließlich gilt (wie früher): jeder Komponist und jeder Künstler reflektiert auf den Geist seiner Zeit. Dazu gehören Geräusche, Lautstärke und Tempo der Umgebung ebenso wie die Erfahrung im Umgang mit Klängen. Glücklicherweise war die Neugier des Publikums erfreulich hoch, Parkett und Rang gut besetzt.

Zeitgenössische Musik hören heißt natürlich auch, das Risiko einzugehen, daß man ein Werk erlebt, welches hinsichtlich Qualität, Anspruch oder Aussage nicht überzeugt – oder einfach nicht gefällt. Das gab es schon zu Zeiten Bachs, Mozarts und Beethovens, weshalb manche Werke von damals heute vergessen sind.

Doch diesmal lohnte der Besuch und man kann nur hoffen, daß es weitere Aufführungen gibt. Mark Andre, Professor an der Dresdner Musikhochschule, ist in Vorträgen, Werkanalysen und Podien (»Wohin mit der Kunst« / Sächsische Akademie der Künste) bereits mehrfach als ein dem Gedanken verpflichteter Komponist aufgetreten, der Effekt beim Publikum hat für ihn keine Bedeutung. Vielmehr geht er von einer Idee und einem Kontext aus, von einem Klang (im Kopf), und sucht diesen ohne Kompromisse möglichst getreu umzusetzen. Oftmals bezieht er sich dabei auf Lebens- und Elementarzustände, weshalb das organische Atmen vom Atemgeräusch bis zum Wind Teil seiner Musik ist, aber auch gedankliche, existentielle oder religiöse Kontexte wie Schöpfung und Erlösung erweisen sich als wesentliche Inhalte.

Und so war »E2«, ein Stück für Violoncello und Kontrabaß, eine fast elementare Erfahrung an diesem Abend. Matthias Wilde und Petr Popelka, der den Abend moderierte, spielten an der Grenze des hörbaren. Daß Bögen über Holz und Hände über Saiten streichen, gehörte hier dazu, die Klangsynthese wurde wichtiger als die Melodie – eine konzentrierte Erfahrung war es allemal (einige Teile allerdings auch für manche Besucher im wahrsten Sinne des Wortes »unerhört«, da so leise). Andres Werk bietet jedoch viele Möglichkeiten zur Entdeckung bzw. zum Wiedereinstieg, wenn man einen Klang nicht erkannt hat oder »draußen« war, denn es basiert auf der Wiederholung einer tonalen Sequenz, die mit immer neuen Spieltechniken mehrfach moduliert und variiert wird.

Die »Sakura-Variationen« im Anschluß waren mehr als eine Auflockerung. Helmut Lachenmann, bei dem Mark Andre studiert hat, greift hier ein japanisches Volkslied auf und verblüfft vor allem mit der Klangfülle der Variationen. Denn die drei Spieler Sabina Egea Sobral / Altsaxophon (Gast), Simon Etzold / Schlagzeug und Petr Popelka müssen mehrfach Technik, Hilfsmittel oder Instrument wechseln. So wie die Saxophonistin zu Beginn den Liedtext singt, benutzt Simon Etzold einen Bogen, um das Xylophon anzustreichen, Pianist Popelka wiederum ist im »wahren Leben« Kontrabassist der Staatskapelle… Die Variationen führten durch Klangwelten, zunehmend rhythmisch und melodisch, und fanden schließlich zum harmonischen Dreiklang.

Mark Andres »Riss 1« (aus einem auf das Thema Riß in der Religion bzw. biblischen Geschichte bezogenes Werktriptichon) führte das Publikum anschließend in eine ganz andere Welt. In Kammerorchesterbesetzung (incl. Harfe und Schlagwerken) erzeugt Andre Klänge (Geräusche), die mit dem Ton D beginnen, der quasi aus dem Nichts zu kommen scheint und zunächst nicht klar einem Instrument zuzuordnen ist. Verfremdung ist nicht nur beim präparierten Klavier, das klingt, als schlüge Holz auf (Klang-)Holz, ein wichtiger Bestandteil. Effekte und Effektinstrumente, Glissandi, Klangbleche und Windschleudern, sorgen für eine spannungsreiche, fast szenische Belebung. Manches sind Geräusche, die wir seit Jahrhunderten aus dem Theater kennen, nur daß sie dort hinter der Bühne passieren.

Die neue »Sprache« des Komponisten Mark Andre haben die Kapellmusiker offenbar gerne und mit Liebe gelernt, die Publikumsreaktion war unterschiedlich: während manche wohl die Auseinandersetzung scheuten und auf das abschließende Werk von George Enescu gewartet haben (was letztlich zu tun ihr Recht ist), waren die Aufgeschlossenen um so begeisterter – viel Applaus für den Komponisten und die Musiker!

George Enescus Oktett für Streicher Opus 7, ein Werk der Belle Époque, spiegelte schließlich doch noch in die Vergangenheit. Und doch geriet der Abend dadurch zweigeteilt, denn eigentlich wünschte man sich solch episches und geistreiches Oktett statt mancher allzuoft wiederholten Serenade an anderer Stelle. An die Spannung des ersten Konzertteils konnte es (als Werk) nicht heranreichen.

10. Januar 2018, Wolfram Quellmalz

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