Ring frei – erste und zweite Runde

Am Wochenende begannen die Ring-Zyklen mit Stefan Mickisch

Das, was der Gesellschaft der Freunde der Sächsischen Staatskapelle gelungen ist, kann man schon einen »Schachzug« nennen: sie haben den Opernkenner und Pianisten (oder Pianisten und Opernerklärer) Stefan Mickisch nach Dresden geholt, um erstmalig hier zu präsentieren, was er für viele Jahre in Bayreuth tat: Wagners Opern vom Klavier aus erklären. Ein Erlebnis, dem kein Einführungsvortrag gleichkommt!

Stefan Mickisch kennt Noten- und Werktexte aus dem Effeff – die Blätter auf seinem Notenpult dienen allenfalls der Orientierung und Versicherung. An zweimal vier Abenden bzw. Vormittagen (jeweils abgestimmt vor der Aufführung in der Semperoper) bringt Stefan Mickisch seinem Publikum Wagners Werk nahe, vermittelt Hintergrund und Hintergründiges – gleich am Beginn des »Rheingoldes« ging er am Sonnabend ausführlich auf den juristischen Unterschied von »Besitz« und »Eigentum« des von Alberich geschmiedeten Rings ein und führt dies konsequent zum Ende: Wenn der Ring die Macht der Welt verleiht und Bayreuth die Rechte am Ring hat, dann wäre Bayern demnach rechtmäßiger Inhaber der Weltherrschaft. (Man fragt sich, ob das nicht zu kurzgefaßt ist, schließlich liegt Bayreuth doch in Franken.)

Das Genialische an Stefan Mickisch ist, daß er immer auf den Inhalt bezogen bleibt, sich niemals aufs Hörensagen beruft oder andere Quellen gebraucht als die Wagners und solche, die er genau kennt. Dazu zählen nicht zuletzt die Bände von Asterix, in deren Figuren (wie dem König Ziegenbart) der Opernerklärer Parallelen zum »Ring« findet.

Mickisch ist Wagnerianer, und gerade deshalb kann er auch manchen Scherz mit dem Komponisten und seinem Werk treiben, es neckisch durchleuchten, denn er vermag zwar eine ironische Distance einzunehmen, erspart sich und den Zuhörern aber die Häme eines Antiwagnerianers – ein Plus für jene, die wegen des Stückes kommen, deren Sicht auf den »Meister« aber skeptisch ist. Ein Beispiel? »Ich möchte nicht alles immer gleich verstehen« sagt Mickisch bezogen auf die Textpassagen. Texte, die nicht gleich verständlich seien, forderten ihn enorm – daran hat er wohl Spaß, und zitiert gleich aus dem »Rheingold«: Wotans Antwort »Was mächtig der Furcht, | mein Mut mir erfand, | wenn siegend es lebt, | leg‘ es den Sinn dir dar!« auf die Frage Frickas, was der Name »Walhall« bedeute, verstünde (Zitat) »kein Schwein«. Oder Alberichs Selbsteinschätzung, als er bei einer der drei Rheintöchter zu »landen« versucht: »Von vielen gefall´ ich wohl einer, bei einer kieste mich keine!«. Formulierungen wie diese findet der Pianist schlicht genial.

Doch derlei Ergötzlichkeiten sind immer das Extra, die Basis bleiben die Werke selbst. Nicht »schmale Kost« ist Mickischs »Ding«, er präsentiert keine leichte Unterhaltung, sondern erwartet vom Publikum Mitarbeit und freut sich über jeden berechtigten Widerspruch. So wurde am Sonnabend unter anderem geklärt, auf welcher Seite Wotan die Augenklappe trägt (auf der linken, denn links sitzt das Gefühl, rechts der Intellekt, deshalb habe Wotan, der intellektuell herrschen muß, das linke Auge geopfert), und wie oft im ganzen »Ring« geküßt wird: es sind mindestens neun Küsse (der letzte ist durch Überhäufung vervielfacht). Als Hausaufgabe bekam das Publikum mit, herauszufinden, wie oft der Ring den Besitzer wechselt und wieviel Goldzustände es gibt…

Basis der Vorführung ist und bleibt aber die Musik. Stefan Mickisch führt von Motiv zu Motiv, leitet vom Rheingold zur Götterdämmerung über und erklärt, weshalb ein Motiv wiederkehrt, woraus es abgeleitet ist, stellt aber auch den Tonartencharakter heraus. Er führt den Zuhörer von Wagner zu Beethoven und Strauss, bis zur Mondscheinsonate und »Also sprach Zarathustra«, und überrascht kurz darauf mit dem Sprung zu Tschaikowskys b-Moll-Konzert – was hätten wohl die beiden Komponisten dazu gesagt? (Peter Tschaikowsky in einem Brief an seinen Bruder Modest über Wagner: »Früher war man bemüht, die Leute durch die Musik zu erfreuen – heutzutage jedoch quält man sie.« Merke: Das zu den Richard-Wagner-Stätten zählende Jagdschloß in Graupa liegt am Tschaikowsky-Platz…)

14. Januar 2018, Wolfram Quellmalz

folgende Aufführungen:

Oper Stefan Mickisch

Haus der Kirche, Dreikönigs-kirche (Hauptstraße)

Semperoper
Siegfried 17. Januar, 19:00 Uhr 18. Januar, 17:30 Uhr
Götterdämmerung 19. Januar, 19:00 Uhr 20. Januar, 16:00 Uhr
Rheingold 28. Januar, 19:00 Uhr 29. Januar, 19:00 Uhr
Walküre 30. Januar, 11:00 Uhr 30. Januar, 18:00 Uhr
Siegfried 31. Januar, 19:00 Uhr 1. Februar, 17:30 Uhr
Götterdämmerung 3. Februar, 19:00 Uhr 4. Februar, 16:00 Uhr

Karten für 25,- € pro Veranstaltung (Vereinsmitglieder: 20,- €) gibt es in der Konzertkasse der Schinkelwache (Theaterplatz, Telefon: 0351 / 49 11 705) oder über http://www.semperoper.de sowie bestellung@semperoper.de.

 

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