Im einzelnen ein Gewinn

Staatskapelle im 8. Sinfoniekonzert mit höchst unterschiedlichen Werken

Es war ein merkwürdiges Konzert am Sonntagabend – das gleich vorweg. Merkwürdig, weil die Staatskapelle doch eigentlich in Salzburg weilt (man sollte meinen, es gäbe nur eine), wie kann sie da gleichzeitig in der Semperoper spielen? Merkwürdig auch, weil es schwer war, eine Bindung zwischen den einzelnen Werken zu finden. Obwohl zwei Messevertonungen darunter waren, geriet die Zusammenstellung dramaturgisch – bzw. eben nicht dramaturgisch – etwas »bunt«.

Nun ist das Wort »merkwürdig« jedoch nicht schon immer überwiegend negativ konnotiert wie für uns heute. Zu Schuberts Zeit etwa verstand man es eher im ursprünglichen Sinne: etwas, das würdig ist, bemerkt zu werden. Wer sich dem Konzert auf diese Weise näherte, konnte den einzelnen Stücken manches abgewinnen, nicht zuletzt den bemerkenswerten Solisten.

Der Argentinier Ariel Ramírez hatte, wohl unter den Eindrücken des Zweiten Vatikanischen Konzils, einen Messetext in seiner Landessprache vertont. In der »Misa Criolla« greift er zwar ein argentinisches Idiom auf, jedoch kein beliebiges: Der Komponist wandte sich ganz konkret verschiedenen Regionen und deren (volkstümlicher) Musik zu. So weicht sein Werk nicht nur durch den liturgischen Text (spanisch), sondern mit seiner Klangfärbung vom gewohnten ab, nicht zuletzt sorgen neben Klavier und Cembalo vor allem Gitarren, Glocken sowie Schlagwerke für eine exotische Atmosphäre. Der Staatsopernchor begann das Kyrie summend, wozu Solist Airam Hernández die Worte setzte – und gleich beeindruckte. Der Tenor verfügt über eine durchdringende, ungeheuer warme Stimme mit weichem Timbre, die stets außerordentlich gut verständlich blieb, ohne dabei unangenehm zu dominieren oder süßlich abzugleiten. Bei allen folkloristischen Einsprengseln der Musik blieb er klassisch, ausdrucksstark – wunderbar! Omer Meir Wellber, wie meist tänzerisch-elegant, dirigierte den Chor und die Musiker nur da, wo es nötig war, gerade den Soli aber ließ er den Raum, sich zu entfalten – teilweise ganz ohne Taktschlag – was eine musikalisch gewinnende Freizügigkeit offenbarte. An Klavier und Cembalo hatte der Dirigent außerdem einiges beizutragen.

Ganz anders in Art, Gestalt und Hintergrund folgte darauf Leonard Bernsteins Serenade nach Platons »Symposion« für Violine und Kammerorchester. (Da hieß es, in Windeseile bei offener Bühne fast komplett umbauen!) Bernstein greift thematisch den Verlauf von Platons »Gastmahl« auf, ohne dieses aber exakt abzubilden. Vielmehr ist es von den dort beschriebenen Szenen angeregt. Als Solistin beschrieb Midori einen erzählerischen Reigen, hob mit sanften Klängen das lyrische Liebesthema deutlich über das Orchester. Dieses antwortete mit vielen Stimmen, exotisch rhythmisiert, wiederum mit Glocken und Schlagwerken. So modern Bernsteins Sinfonik scheint, beeindruckte sie doch gerade mit den Feinheiten. Während Midori zwar virtuos zu »argumentieren« wußte, wurde diese Virtuosität nie vordergründig. Von der Feinheit technischer Raffinesse zeugte auch ihre Zugabe: das Prélude aus Johann Sebastian Bachs E-Dur-Partita.

Noch einmal hieß es sich innerlich umstellen: nach der Pause erklang Franz Schuberts Messe G-Dur. Nun war der Opernchor in einer, wenn nicht typischen, so doch gewohnten Rolle. Das Solistentrio setzte sich aus den Ensemblemitgliedern der Semperoper Emily Dorn (Sopran) und Martin-Jan Nijhof (Baß) sowie dem Gast Daniel Johannsen (Tenor) zusammen. Omer Mair Wellber deutete das Werk gediegen und mit emotionaler Tiefe aus, nicht nur durch emphatische Passagen (Gloria, Sanctus), sondern auch in einem sehr ruhigen Credo, das verinnerlicht war und nicht mit aufgesetzten Affekten beeindruckte. Diese Schlichtheit berührte nicht weniger im abschließenden Agnus Dei.

26. März 2018, Wolfram Quellmalz

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