Frost und Tränen bei 30 °C

Ian Bostridge und Julias Drake mit Schuberts »Winterreise«

Klar – jeder singt sie, Franz Schuberts »Winterreise« D911, aber nur wenige vermögen es, einen ununterbrochenen Spannungsbogen über die 24 Lieder zu schlagen. Ja – es gibt viele gute, sogar viele herausragende Sänger-Pianisten-Duos, aber wie eindrucksvoll ist es doch, diese zu erleben, mit anzusehen und -zuhören, wie diese Paarung symbiotisch die Einheit von Musik und Text erfaßt und darbietet. Und eine Darbietung war es, fast ein minimalistisches Monologtheater.

Ian Bostridge und Julius Drake sind zu einer einzigartigen und höchst individuellen Paarung (aber keiner ausschließlichen, Ian Bostridge arbeitet auch mit anderen Pianisten zusammen) gewachsen, dennoch gibt es bei ihnen keine soundsovielte Aufführung, egal, um welche Stücke es sich handelt. Für sie ist jeder Abend speziell, individuell, was die eigenen Gedanken und Gefühle, die Umgebung, ja, das Wetter angeht, das hatten beide im anschließenden Künstlergespräch verraten. (Leider wurde es nur auf englisch geführt, weil viele dies verstanden, jedoch nicht alle – nicht sehr publikumsfreundlich!) Und so konstatierte Ian Bostridge auch ein wenig die meteorologische Situation, als er mit dem Zug durch die sonnenbeschienene Sächsische Schweiz anreiste: bis auf 29 °C stieg das Thermometer während des Abends, zum Schluß waren es noch »kühle« 27 °C…

Doch so dezidiert einem Jahresereignis oder dem Kalender verhaftet wie andere Werke ist die »Winterreise« gar nicht, und spätestens mit den Zeilen »Der Mai war mir gewogen…« im einleitenden »Gute Nacht« hatte wohl jeder im Saal solcherlei Betrachtung über den möglichen Zusammenhang von Wetter, Jahreszeit und Lied fallengelassen. War er es denn nicht gewesen, der Mai – uns gut gewogen? Und stand sie nicht gerade an, die gute Nacht?

Sie begann eben, eindrucksvoll und berückend. Es ist immer gut, sich vor einem Konzert von prägenden Erfahrungen zu lösen oder gar Erwartungen zu haben, die Erinnerungen an legendären Aufführungen oder Aufnahmen der Vergangenheit für eine und eine viertel Stunde ruhen zu lassen. Sich öffnen, lauschen, fühlen, erfahren – diese Winterreise war eine Offenbarung! Ian Bostridge begann sie sicher »im Kopf« – wie tief sich der Tenor in Werk und Komponist vertieft hat, davon zeugt auch ein von Publikum wie Presse hoch gelobtes Buch. Seine Auseinandersetzung begann als Schüler und Teenager und ist bis heute nicht beendet. Nicht emotional aufgeladen ist seine Interpretation, sie lebt auch nicht von glühenden (frostigen) Farben, sondern von einem unbedingten Zusammenhang von Text und Musik, von großer Schlichtheit und Schönheit. Dazu paßt Bostridges schlanker Ton, sein klares Timbre, seine perfekte Artikulation – der gebürtige Londoner singt ohne jeglichen Akzent! – ob vokale Ausformung, die Färbungen von Umlauten oder die Feinheiten der Konsonanten. Wenn sich der Wanderer im »Lindenbaum« nicht wendet, unterstreicht das die Entschlußkraft und Konsequenz, die er damals aufgewendet hat, aber auch den Schmerz der Erinnerung – einfach perfekt! Und es ist keine kalte Perfektion, sondern immer von einem Sinn getragen, einem Gedanken. Wie passend, ist doch die »Winterreise« in weiten Teilen ein Erinnern und Nachsinnen.

Schon der Widerhall des Wortes »sacht« ist bedächtig und mit Sachtheit gesetzt, das gleich folgende »[an] dich [hab‘ ich gedacht]« bewies, wie stark solche Gedanken mit Gefühlen, hier der Hingabe, verbunden sind. Einfach umwerfend, wie Bostridge die Balance von Inhalt und Emotion bis zum Ende wahrte. Mit Gestaltungssinn formte er Phrasen, band Textzeilen und die Liedfolge zu einem sinnigen Ganzen, obwohl die 24 Gedichte von Wilhelm Müller keine Chronologie oder ununterbrochene »Erzählung« sind. Der Vergleich mit dem Theater lag nahe und beschreibt es vielleicht am besten – hier wurde ein Drama aufgeführt, das war spätestens mit »Auf dem Flusse« klar – der folgende »Rückblick« verdeutlichte dies noch.

Wenn überhaupt etwas »zu kurz« kommt, dann sind es in der Regel die Pianisten in den Rezensionen. Das liegt in diesem Fall aber daran, daß man Julius Drake kaum wahrnahm, denn er war Bostridge, das Klavier nur die Ergänzung oder »Verlängerung« der Singstimme. Manchmal, wie im »Irrlicht«, illustrierte Schubert kleine Bilder, denen Drake tatsächlich ein Irrlichtern entlockt, doch meist war er die emotionale Deutung des Tenors oder des Wanderers, der das Aufbäumen, Erinnern versinnbildlichte. Und es war einfach wunderbar, wie der Pianist als Gestalter und Begleiter zum Beispiel am Ende der »ersten Abteilung« im »Frühlingstraum« auf engstem Raum zunächst den Traum süß ausmalte, ihn dramatisch übersteigerte und schließlich in den letzten Akkorden auflöste, als sei es rieselnder Traumsand.

Auch in der zweiten Hälfte setzte Julius Drake klare Akzente, ließ die »Letzte Hoffnung« zerbröseln, als sei sie porös wie vergängliches Backwerk. Doch meist und am ohrenfälligsten führte das Duo Bostridge-Drake die Unabdingbarkeit des Zusammenhangs von Text und Musik vor, immer wieder eindrücklich, bezaubernd und erschreckend. Im »Wirtshaus« wirkte die plötzlich ausbrechende Fröhlichkeit aufgesetzt, als hätte ein berauschter Trinker zum Lied angestimmt – die Ernüchterung, Leere und Einsamkeit folgt sogleich. Und das, wie gesagt, immer »vom Kopf« her dargestellt, ohne darauf auszusein, die Zuhörer emotional mitzureißen, und doch wurde es nie »verkopft«. Einfach großartig!

8. Juni 2018, Wolfram Quellmalz

Zum Nachsinnen oder Fortsetzen: Ian Bostridge / Leif Ove Andsnes, Franz Schubert »Winterreise« (Aufnahme von 2003, Warner) sowie Ian Bostridge »Schuberts Winterreise« (Buch, 405 Seiten, C. H. Beck)

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