Schubert einmal anders

Sir András Schiff mit drei großen Sonaten im Konzerthaus Berlin

Wenn der Pianist András Schiff, in dieser Spielzeit Residenzkünstler des Konzerthauses Berlin, mit Klaviersonaten von Franz Schubert angekündigt wird, erwarten viele wohl einen Steinway-Flügel (oder einen Bechstein) auf dem Podium. Doch weit gefehlt – am Donnerstagabend stand dort ein Hammerflügel, und zwar keine Kopie nach …, sondern ein originaler von ca. 1820 aus der Manufaktur Franz Brodmann. Übrigens »stand« er da auch nicht einfach auf Beinen, sondern ruhte auf kleinen Säulen und hatte schon im Anblick etwas Majestätisches.

Nach solcherlei Betrachtung war es zunächst der Klang, dem man sich zuwandte. Etwas dünner oder »kleiner« als ein moderner Flügel ist der Ton des Brodmann-Klavieres, aber warm temperiert und nuancenreich. Mittels vier Pedalen läßt sich dieser Klang sogar noch verfeinern, dämpfen, verschieben, schattieren – und Sir András Schiff, aus dessen Sammlung das Instrument stammt, ist ein Meister darin, feinste Unterschiede zu schaffen, an der Schwelle des Wahrnehmbaren die Stimmung hierhin oder dahin zu wenden. Dicht wob er den Sonatenstoff, setzte gekonnt Akzente, die damit jede vordergründige Attitude verloren.

Schon im ersten Stück des Abends, der a-Moll-Sonate D 845, entstand ein frappierendes Klangbild, das berückende Vergleiche für den bot, der die Sonate »normal« im Kopf trug, oder einfach als ein dichtes, feinstrukturiertes Gewebe offenlegte. Der behutsame Umgang mit dem Pedal verblüffte nicht wenig, doch war er ein schlüssiger Weg in Schiffs Interpretation – die Effekte, die ein solcher Flügel bietet, sollten nicht dazu verleiten, sie einzusetzen. Dies geschah auch nicht, vielmehr blieb der Pianist bei seinem Schubertbild, dem er einen tragenden, mit vorsichtigem Pedaleinsatz betonten Baß schenkte.

Wie Perlen hüpften die Obertöne manchmal darüber, nicht weniger in der Sonate D-Dur (D 850). Die etwas trockeneren Töne mit weniger Nachklang als beim modernen Konzertflügel erlaubten gerade hier eine feine Akzentuierung. Munter, lebhaft erklang das Allegro, im Scherzo entwickelte András Schiff einen wienerischen Charme – diesen verschmitzten, musikalischen Schalk offenbarte er im abschließende Werk (G-Dur / D 894) noch einmal. Auch das Rondeau in D 850 hatte zu Beginn noch viel vom Scherzo-Charakter, das Molto moderato e cantabile aus D 894 begann gar zu swingen!

So feine Nuancierungen erlaubten manche vertiefte Blicke auf Schubert, aber auch auf den Pianisten, der mit Bedachtsamkeit und Betonung umzugehen wußte und bei aller Sorgfalt nicht »zärtelnd« spielte, sondern im Gegenteil das Drama der Stücke ausspielte. Auch Schubert wußte einen Furor zu entfachen – drohend, lebensfroh, beeindruckend!

Mit zwei zusätzlichen Blicken auf Schuberts Klavierstücke ging ein langer Klavierabend zu Ende.

21. September 2018, Wolfram Quellmalz

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