Eine Angelegenheit der Gegenwart

Philharmonisches Kammerkonzert mit Bezug auf den Ersten Weltkrieg

Als Auftakt zur Themenwoche »Erinnerung und Zukunft« fand am Mittwoch ein Kammerabend auf Schloß Albrechtsberg statt, der Komponisten in den Fokus rückte, die ihre Lebens- und Kriegserlebnisse ganz unterschiedlich ausgedrückt hatten. Ihre individuelle Ausprägung reichte von generellem Kriegsverlust und Tod bis zur persönlichen Betroffenheit, von artifizieller Verarbeitung bis zu Unmittelbarkeit.

Französische Soldaten verfaßten bereits 1913, nachdem sie die Kriegsrealität kennengelernt hatten, ein »Chanson de Craonne« auf die Melodie eines damals populären Liedes von Jean Sablon. Im Original (Bonsoir m’amour) besingt es die Liebste und den Abend, der geänderte Text persifliert dies bitterböse (»Leb‘ wohl Leben, leb‘ wohl, Liebe…«) und wurde wegen seines subversiven Spottes umgehend verboten. Rainer Promnitz, einer der Cellisten an diesem Abend, hatte das Chanson für Streichquintett und Klavier bearbeitet und ließ die Gesangsstimme zwischen den Streichern wechseln, von der Viola (Harald Hufnagel) auf das Violoncello und die Violine (Dalia Richter) übergehen. Als alle gemeinsam den Refrain zum letzten Mal spielten, konnte – wer den Text mitlas – den Hohn der Persiflage spüren.

Mit dem Abstand einiger Jahre setzte Paul Hindemith seine Erfahrungen in einem Streichquartett um. »Minimax. Repertorium für Militärmusik« (mit Christiane Liskowsky / 2. Violine) ist nur indirekt auf den Krieg bezogen und lebt mehr vom Spaß an der musikalischen Form mit verzerrten Zitaten und gezielt mißglückten Parodien. Immerhin für die Donaueschinger Musiktage geschrieben, wirkte das Werk jedoch recht harmlos, altväterlich-humorvoll. Hier fehlte den Musikern die Freiheit, sich vom Blatt zu lösen und sich mit Spontanität aufeinander zu beziehen.

Rainer Promnitz hatte bereits 1986 ein »Dona nobis pacem« vertont. Seine Neufassung für Violine, Viola, Violoncello, Kontrabaß (Donatus Bergemann) und Klavier (Oksana Weingardt-Schön) erfuhr am Mittwoch seine Uraufführung. Wie einen tragischen Klagegesang (Viola) wiederholt das Stück zunächst immer wieder die Themenzeile, wozu Streicher tremolierend eine bedrohliche Stimmung andeuten, Marschrhythmen klingen an. Die Steigerung ins Chaotische wird nur zaghaft vom Choral »Verleih uns Frieden« durchsetzt. Die Zuversicht ist in Frank Martins »Pavane couleur du temps« deutlich konkreter. In Streichquartettformation formulierten die Philharmoniker eine Trauerode in Schönheit, aber in Erinnerung, nicht im Vergessen der Greuel.

Die Freiheit und Spontanität, welche der ersten Konzerthälfte gefehlt hatte, fügte nach der Pause Ulf Prelle (Violoncello) dem Abend hinzu. Vollkommen zu Recht war Dmitri Schostakowitschs Cellosonate Opus 40 allein dem zweiten Teil zugeordnet. Die elegische Melancholie des Themas hätte vielleicht auch von einem Maurice Ravel stammen können, doch schon nach wenigen Takten ist das Werk durchsetzt von Spannungen, Unwägbarkeiten. Ulf Prelle verlieh seinem Instrument förmlich Flügel, ließ es singen, grummeln, erzählen, pointiert kommentieren; immer wieder sorgte Oksana Weingardt-Schön für rhythmisch prägnante Bedrohlichkeit, aber auch für die scheinbare Erlösung (Glöckchen- und Harfenklang im Allegro). Schostakowitschs Solitär wurde zu einem pulsierend-spannenden Erlebnis.

1. November 2018, Wolfram Quellmalz

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