Ach diese süße, süße Melancholie…

Philharmonie mit dem »Rückkehrer« Bejun Mehta in der Dresdner Frauenkirche

Etwas gewöhnungsbedürftig schien allenfalls die Zusammenstellung des »Melancholie« genannten Programms, denn auf Opernarien Georg Friedrich Händels folgte Samuel Barbers Adagio for strings Opus 11, das sich nicht nur der Entstehungszeit nach und im Charakter so gänzlich von Händel unterscheidet, es ist – im krassen Gegensatz zur gespielten Trauer in den Opern – vielfach mit tatsächlichen Traueranlässen unserer Tage verbunden. Joseph Haydns »Trauersinfonie« versprach dagegen zum Abschied einen bekömmlichen Schmaus.

Die Partnerschaft Mehta – Philharmonie begann mit der Residenz des Countertenors nicht nur glücklich, sie wird beständig fortgesetzt. Am Sonnabend war Mehta erneut in der Frauenkirche zu Gast und leitete das Orchester in Kammerbesetzung. Zu Beginn war diese um Cembalo (Michaela Hasselt) und Laute (Magnus Andersson) erweitert, denn für drei Arien Georg Friedrich Händels wurde ein Basso continuo benötigt. Doch ob Ottone (aus dem Frühwerk »Agrippina«) nun Geliebter und Macht nachtrauert, Bertardio sich verlassen glaubt (»Rodelinda, Regina de‘Longobardi«) oder Julius Cäsar die Götter inniglich anbetet, ihm seine geliebte Cleopatra wiederzugeben (»Giulio Cesare in Egitto«) – Bejun Mehta zürnt, weint und trauert so hingebungsvoll mit süßem Ton, daß man sich fragen möchte, wer ihm diese Trauer, diesen Zorn nicht mildern, wer ihm diese Bitten nicht erfüllen wollte. Dabei klingt der Counter so kernig (im Zorn) wie elegant, strahlt einfühlsam oder voller Majestät. Und er findet in der Philharmonie (wieder) einen kongenialen Partner. Da ist ein rhythmisch pulsierender Basso, der nicht nur unterstreicht, sondern mit singendem Fagott (Robert-Christian Schubert) einen ganzen Hintergrund färbt, ganz zu schweigen von der Oboe (Johannes Pfeiffer), die in »Agrippina« ein gleichermaßen einfühlsamer Gesangspartner ist, der erwidert und wiederholt, und wenn Mehta sanft decrescendiert, tut sie es ihm millimetergenau nach.

Verlassen konnte sich Bejun Mehta auf die goldenen Streicherstimmen, deren Spektrum an diesem Abend vom leisen Hauch bis zum volltönenden Sturm reicht. Das ist auch in Barbers Adagio spürbar, in dem Mehta die Stimmen sacht hervortreten läßt, während das Thema von den Violinen zu den Violen übergeht. So fein geht es eben, dieses so oft gehörte Stück, das sonst leicht zu »triefen« beginnt.

Die Pause der Bläser war danach beendet, Hörner und eine zweite Oboe kamen sogar noch hinzu. Denn die höfische Pracht verlangt noch gemäßigt (wenn es denn stimmt, soll Haydn sich die Musik zu seiner Beerdigung gewünscht haben) nach Farbe und musikalischem Reichtum. Den bietet die Philharmonie reichlich, mit blitzsauberen Hörnern (Michael Schneider, Johannes Max), einem bedächtig ausgeschrittenen Menuett und einem nicht minder schimmernden Adagio. Feingliedrig und kunstvoll ist dies alles gleichwohl, voller glanzvoller Kontraste geht eine beglückende Stunde zu Ende. Eigentlich kann man sicher sein, daß Mehta wiederkommt, Schade nur, daß noch nicht bekannt ist, wann.

4. November 2018, Wolfram Quellmalz

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