Denkwürdiges Gedenkkonzert

Dresdner Kammerchor mit einer Uraufführung in der Frauenkirche

Der 9. November war in diesem Jahr ein besonderer Gedenktag – es ist nun 80 Jahre her, daß mit der Pogromnacht die gewaltsame Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der Juden in Deutschland begann. Der Dresdner Kammerchor und sein Leiter Hans-Christoph Rademann gedachten diesem Anlaß mit einem ausgewählten Programm und hatten bei dem deutsch-amerikanischen Komponisten Samuel Adler ein Werk in Auftrag gegeben. Adler, der die »Kristallnacht« als Kind miterlebt hatte, entschied sich für einen Text von Nelly Sachs, den »Chor der Wandernden«. Damals haben seine Familie und er, erzählte der 1928 geborene, ungemein vitale Adler, offene Türen gefunden, als sie flohen. Sie haben Glück gehabt – viele Flüchtlinge heute hätten dies nicht. Man soll nicht warten, daß Gott die Welt besser mache, sondern es selbst tun und dabei auf Gottes Hilfe vertrauen, sagt Samuel Adler in seinem Text zum Werk.

Diese Gedanken sind sowohl in Nelly Sachs‘ Gedicht enthalten wie in Samuel Adlers Musik. Zwei lyrische Violinen (Cecilia und Martin Gelland) eröffnen das Werk und gestalten jeweils kleine Einleitungen der Texte, die der Chor meist à capella vorträgt. Erst in den abschließenden Teilen finden sie gleichzeitig zusammen. Mit großen Tonsprüngen innerhalb und zwischen den Stimmen schafft der Komponist eine Kluft, Einsamkeit, doch schon in der zweiten Strophe und den »Türen, die uns an jeder Wegkreuzung erwarten«, nimmt die Lebendigkeit zu. Dicht, volltönend, nach oben gerichtet, aufwärts formuliert der Kammerchor diese Zeilen – mitreißend, um gleich danach fragend, innehaltend zu sinnen. Adler schafft mit getrennten Stimmen und bis fast zum Schrei reichenden Ausrufen ungeheure Kontraste und emotionale Effekte, welche den Text spiegeln. Und noch in die Todesahnung der Schlußzeilen haben Sachs und Adler die Hoffnung gelegt.

Daß der Dresdner Kammerchor sauber zu artikulieren vermag, daß er eine große Homogenität besitzt, hat er schon oft bewiesen. Eindrucksvoll war hier besonders die Emotionalität, die von Herzen zu kommen schien, nicht übertrieben wirkte.

Samuel Adler nahm – neben einer weißen Rose – den Applaus dankbar entgegen. Auch Herbert Blomstedt, der sich gerade wegen des Sinfoniekonzertes der Sächsischen Staatskapelle in Dresden aufhält, folgte dem Werk ergriffen.

Kaum weniger eindrucksvoll war »From the Jewish Folk Tradition« von Oleg Gotskosik mit dem Violinduo Gelland in der Chorpause. Cecilia und Martin Gelland hatten das Werk 2001 in Stockholm uraufgeführt, in der Frauenkirche brachten sie drei Sätze daraus zur Aufführung. Während der Chor im Seitenschiff saß und zuhörte, lotete das Violinduo die Melodik und Harmonik der jüdischen Musik aus. Ob herb, mit harten Pizzicati oder Liedfragmenten, ob im Einklang oder zwei sich voneinander entfernenden Themen – diese Sätze gingen unter die Haut!

Derartig erhellt und wach konnte man schließlich noch den anspruchsvollen »Zwölf Bußversen« von Alfred Schnittke folgen. Die Texte stammen aus dem Mittelalter, erwähnen Gott und Zar noch in derselben Zeile. In Gregorianische Klänge gefaßt, ist die Komposition dennoch modern, auch Schnittke hat große dynamische Kontraste gesetzt. Mächtig, wie der Chor das »O Herr, o Zar!« dynamisch anschwellen läßt, wie er Licht musikalisch wiedergibt. Immer wieder summen die Stimmgruppen, summt der Chor, und noch das ist berückend – mehr als »hm, hm«, es ist ein melodischer Klang, der eine Bestimmung offenbart, die Stimmung prägt. Bei all dem Eindrucksvollen darf Artem Volkov nicht vergessen werden, einer der Solisten des Abends. Sein dunkel timbrierter Tenor gehörte zu den herausragenden und vereinnahmenden Einzelleistungen.

So kann man erneut im Gedenken viel Hoffnung finden, auch und gerade an diesem Tag, als in vielen deutschen Städten, in Hamburg, Köln, Berlin und Dresden die »Erklärung der Vielen« zeigen, daß heute viele nicht auf Hilfe warten, sondern selbst etwas tun, Position beziehen.

11. November 2018, Wolfram Quellmalz

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