Stimmen der Hoffnung

Konzert mit Violinen jüdischer Musiker als Schwerpunkt der Themenwoche »Erinnerung und Zukunft«

Der Publikumszuspruch war enorm – ausverkaufter Kulturpalast, davor noch Menschen mit Schildern »suche Karte«. Die Reihe der Dresdner Philharmonie kommt an, das Interesse gerade an diesem Projekt war hoch.

Zunächst als Überlassenschaft vorwiegend jüdischer Musiker entstanden, wurden in Israel beim Geigenbauer Moshe Weinstein deponierte Instrumente erst nach Jahrzehnten und unter Mithilfe des Dresdner Bogenbaumeisters Daniel Schmidt zu den »Violinen der Hoffnung«. Seit Jahren schon beschäftigen sie den Sohn Amnon Weinstein, der die Sammlung von seinem Vater übernommen hatte, sie heute pflegt und zu Konzerten begleitet. In vielen Städten waren die »Violinen der Hoffnung« schon zu Gast, in London, Paris und Berlin, in Frühjahr in Dachau.

Diese Instrumente zu hören, hatte in der Tat etwas Berührendes. Fünfzehn Violinen brachte Amnon Weinstein, der sich vor dem Konzert ins Goldene Buch der Stadt Dresden eintrug, zum Konzert. Obwohl es keine Stradivari oder Amati sind, haben auch sie alle einen Namen, eine Geschichte, nachzulesen im Programmheft. Kein Wunder, wenn sich Konzertmeister Wolfgang Hentrich durchaus ehrfürchtig der bereitliegenden »Auschwitz« näherte (der Name der jeweiligen Violine wurde während des Konzertes über der Bühne eingeblendet). Mit »Ricordo IV« (Erinnerung) von Werner Wolf Glaser eröffnete er das musikalische Programm. Glaser mußte Deutschland wie so viele verlassen, floh nach Schweden, wo er eine Musikschule aufbaute. Fern wie die Erinnerung oder die Heimat schien auch seine Komposition, ein feiner, nie brechender Gesang, der eindringlich wurde.

Es war nicht nur Musik jüdischer Komponisten allein, nicht nur die Besonderheit der Instrumente. Das Verbindliche – und Hoffnung gebende – lag darin, daß so viele Musikschüler vom Landesgymnasium und dem Heinrich-Schütz-Konservatorium sowie Samira Dietze und Jacob Meining (Studenten der Musikhochschule) die Werke von Tzvi Avni, israelische Volkslieder und ein Konzert von Georg Philipp Telemann vortrugen. Zwei Litauische Volksweisen von Aleksandras Kacanauskas und Feliksas Bajoras wurden von Dalia Stulgyté-Richter mit wunderbar singender Violine (»Jacob Hakkert«) vorgetragen. Am Ende des ersten Teils erklangen alle fünfzehn Instrumente gemeinsam, spielten Philharmoniker, Studenten und Schüler das Prélude à l’unisson aus George Enescus Suite d’Orchestre Opus 9. Es war nicht nur ein Abend, der an eine dunkle Vergangenheit erinnerte, er war auch geprägt davon, etwas Gutes weiterzugeben.

Insofern gab es nicht nur Violinen, sondern viele Stimmen der Hoffnung. Eine weitere erklang nach der Pause mit Raphael Wallfisch (Violoncello) als Solisten in zwei Konzertbearbeitungen mit der Philharmonie in Orchesterbesetzung (Leitung: Michael Sanderling). Ernest Blochs »Vidui« (Reue) und »Nigun« (Melodie) waren von kammermusikalischer Finesse, von hellen, hoffnungsfrohen Farben. Das Cello behielt eine süße, fast sinnliche Singstimme. Noch tiefer bzw. singender erklang danach Maurice Ravels »Kaddish« (Gebet), im Original auch für Singstimme geschrieben. Die Philharmonie verband in Ravels prächtige Orchestrierung Kontrast (vor allem der Blechbläser) mit Klangsinn.

Mit einem Adagio voller Todesahnung hat Gustav Mahler seine letzte vollendete Sinfonie, die neunte, abgeschlossen. Michael Sanderling hatte das Werk ans Ende des Abends gestellt und führte darin die Einzelstimmen der Streicher- und Bläsergruppen zu einer frappierenden Homogenität aller Stimmen.

9. November 2018, Wolfram Quellmalz

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