Subtile Schatten

Igor Levit debütiert in Dresden

Im Rahmen der neugeschaffenen Konzertreihe »Dresden Musik« kam nach Daniel Barenboim am gestrigen Montag Igor Levit in den Kulturpalast und präsentierte Ausschnitte aus seiner neuesten CD »Life«. Das »Leben« des Titels bezieht sich dabei weniger auf ein extrovertiertes »Ausleben«, sondern ganz konkret auch auf den Tod – das Programm ist entstanden, als sich der Pianist mit dem Tod eines nahestehenden Freundes auseinandersetzen mußte.

Selbst wer diesen Hintergrund nicht kannte oder das Programmheft (noch) nicht gelesen hatte, konnte ihn spätestens nach der Pause erfahren, als Franz Liszts Wagner-Bearbeitung »Feierlicher Marsch zum heiligen Gral« (aus »Parsifal«) erklang. Er beginnt ganz unmißverständlich als Trauermarsch, erst mit dem »Dresdner Amen« wendet er sich, wird feierlicher, intoniert schließlich eine chromatische Himmelfahrt.

Kaum weniger mächtig war das darauffolgende Werk: nicht nur Liszt hatte Wagner, auch Ferruccio Busoni hatte Franz Liszt bearbeitet. Die Phantasie und Fuge über den Choral »Ad nos, ad salutarem undam« (Zu uns, zum Heil des Wassers…) ist in ihrer Komplexität und Üppigkeit für Pianisten wie Zuhörer kaum faßbar und ähnlich überreich wie Wagner. Igor Levits Spiel war agogisch und dynamisch faszinierend, schloß Choral und Gebet ein, dazwischen blitzte es, als würde die h-Moll-Sonate dort toben…

Liszt Klavierwerk kommt oft der Klangfülle und den Farben der Orgel nahe, Ferruccio Busoni brachte in seiner Phantasie nach Johann Sebastian Bach dieses »orgelmäßige« ebenfalls zum Klingen, wenn auch weniger pompös.

Begonnen hatte Igor Levit seinen Abend jedoch mit Bach – ebenfalls nicht original, sondern als Bearbeitung von Johannes Brahms (für die linke Hand): die berühmte Chaconne aus der Partita BWV 1004. Und Brahms war eben ein Romantiker, ganz klar! Auch darin blieb der Pianist klar und kompromißlos. Lange saß Igor Levit (wie nach der Pause) am Flügel und wartete, daß Ruhe herrschte im Saal, dann erst schöpfte er aus dieser (Ruhe) feinfühlig und schlicht das Thema, ließ es variieren, doch nicht mit der Üppigkeit eines Wagner, Liszt oder Busoni, sondern mit feinsten Schattierungen und weicher Tongebung, wofür er die Pedale reichlich nutzte. Forte, sostenuto und una corda sind für Levit nicht allein technische Begriffe der Spielweise, er evoziert mit ihnen einen musikalischen Ausdruck in feinsten Stufungen. Das gibt der Tiefe eine fühlbare (nicht bodenlose) Tiefe, die sogleich schmeichelnd umspielt wird, sanft wie das Wasser am Ufer eines Flusses.

Busonis Phantasie ließ der Pianist nach dieser Klarheit merklich dräuen, grüblerisch schien das Werk, doch auch hier lösten sich die einander durchsetzenden Themen fühlbar heraus. Das mehrteilige Werk greift verschiedene Choräle auf, gleicht einer Metamorphose von Musik, Igor Levit als der Befreier eines Gedankens, den er schließlich an die Choralphantasie einer Orgel annähert.

Noch schwebten die Töne durch den Saal, Levits Hände über der Tastatur, der gekrümmte Rücken zeigte Spannung an, da schlossen sich Robert Schumanns »Geistervariationen« direkt an. Noch einmal: Schimmer und Schattierung. Die Variationen verkörpern weniger unterschiedliche Charaktere als subtile Verschiebungen oder Ansichten einer Sache – Blicke in ein Kaleidoskop.

Mit Schumann setzte Igor Levit ebenso den Schlußpunkt: eine Zugabe nur, »Der Dichter spricht« aus den »Kinderszenen«, war so ruhig, still und verhalten, daß jede weitere Ergänzung unnötig, eine Übertreibung gewesen wäre – musikalische Konsequenz.

13. November 2018, Wolfram Quellmalz

kürzlich erschienen: Igor Levit (Klavier) »Life«, Sony classicallife_cover_750x750_88985424452_en
Inhalt: Ferruccio Busoni: Phantasie nach J. S. Bach, BV 253, Johann Sebastian Bach: Chaconne aus der Partita BWV 1004, bearbeitet von Johannes Brahms, Robert Schumann: Geistervariationen, Frederic Rzewski: Dreams, Pt. 1, Franz Liszt: »Feierlicher Marsch zum heiligen Gral« (aus Richard Wagners »Parsifal«), Franz Liszt: Phantasie und Fuge »Ad nos, ad salutarem undam«

Nächstes Konzert der Reihe: Khatia Bunistishvili spielt am 23. Februar Werke von Franz Schubert und Franz Liszt.

Weitere Informationen unter: https://www.alegria.de/konzertsaele/Dresden_Kulturpalast-21.html

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s