Die Musik hat die Mörder überlebt

Eindrucksvolles Konzert offenbart Schätze jüdischer Komponisten

Natürlich hätten beim Konzert »Nachgedacht« am Sonnabend in der Frauenkirche die beiden Stars dominierend im Vordergrund stehen können, doch es zeigte sich, daß das Programm das Resultat einer jahrelangen Recherche, Auseinandersetzung und nicht zuletzt der Verbundenheit und Liebe zum Thema war. Daniel Hope ist nicht nur künstlerischer Leiter der Frauenkirchenkonzerte sowie des Zürcher Kammerorchesters, sondern widmet sich seit über zwanzig Jahren der jüdischen Musik, trägt immer wieder dazu bei, scheinbar Verlorenes wieder hervorzubringen. Iris Berben gehört zu den Aktivisten von »Gesicht zeigen« und spricht sich deutlich gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aus. Sie hatte die Lesung des Abends übernommen.

Wie intensiv die Auseinandersetzung mit dem Thema ist, konnte man auch an der Aktualisierung des Programms ablesen: nicht nur der Ablauf im Programmheft war gegenüber der langfristigen Ankündigung angepaßt worden, Daniel Hope hatte kurzfristig den Ablauf noch einmal um ein weiteres Duo von Zikmund Schul ergänzt. Schul war wie Gideon Klein in Theresienstadt interniert – die »Erlaubnis« von Musik und Kultur war dort erst spät, als Teil eines perfiden Propagandaplanes, erteilt worden. Vor allem Gideon Klein hatte sich schon davor stark engagiert, daß weiterhin Bücher, Gedichte, Musik geschrieben wurde, daß der schöpferische Geist nicht zum Erliegen kam.

Die Werke, ob Schuls Chassidische Tänze Opus 65 oder Kleins Trio für Violine, Viola und Violoncello (in einer Orchesterbearbeitung) schlossen Bedrückung und Fassungslosigkeit ebenso ein wie Lebendigkeit und Überlebenswillen – unglaubliche Schönheit! –, sie sind Zeugnisse einer noch unter den Theresienstädter Zuständen blühenden Phantasie und Hoffnung und wert, öfter zu erklingen, auch in »normalen« Konzerten ohne Gedenkhintergrund.

Daniel Hope trat nur beiläufig als Solist auf, wie in einer Eigenbearbeitung von Maurice Ravels »Kaddish« (Gebet), das er als Untermalung zum gelesenen Text (»Dachaulied« von Jura Soyfer) spielte. Das Zürcher Kammerorchester fand in den Werken feine Kontraste und weiche Farben, ließ Protest und Klage ebenso lautwerden wie die Hoffnung.

Faßbarer Rahmen waren zwei der frühen Streichersinfonien Felix Mendelssohns (10 und 7) sowie Auszüge aus Bachs »Goldberg-Variationen« (in einer Orchesterbearbeitung). Die von Daniel Hope klug zusammengestellten Texte vereinigten Gedichte von Theresienstädter »Bewohnern« mit Briefauszügen sowie zeitgenössische Ausschnitte zur Mendelssohn- und Bachrezeption. Vieles davon, nicht nur die Auszüge aus Wagners widerwärtigem »Das Judenthum in der Musik«, war erschreckend, abstoßend.

Da ist es vielleicht schwer, beim Vortragen die notwendige Distance zu wahren. Teilweise wirkte Iris Berben überemotional, voller Haß, dann wieder lakonisch, was entweder belehrend oder zynisch aufgefaßt werden konnte und so sicher nicht gemeint war. Auch blieb unkenntlich, wann manche Zitate endeten – wo begann nach dem Auszug aus einem Musiklexikon von 1940 der Überleitungstext von Daniel Hope? Dabei waren auch die Gedichte, ob von Friedrich Hölderlin oder über das Leben in Theresienstadt (»Als ob«), passend gewählt, aber nur und teilweise (mit Begleitung der Aria aus den »Goldberg-Variationen«) bestechend und erschreckend gut im Vortrag.

Mancher erinnerte sich vielleicht an Victor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“ an der Semperoper vor wenigen Jahren – auch ein Werk, das in Theresienstadt entstanden war. Solche Abende sollten immer wieder eine Fortsetzung finden.

11. November 2018, Wolfram Quellmalz

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