Funkelnde Fugen, tobende Tremoli…

Collegium 1704 mit zwei Messevertonungen in der Dresdner Annenkirche

Vertonungen des Messetextes bzw. Ausschnitten daraus haben viele Komponisten beschäftigt. Praktisch jeder, der in kirchlichen oder höfischen Diensten stand, hat sich damit befaßt, nicht selten gleich mehrfach. Und auch vor der Konvention macht die Messe nicht halt – vom Protestanten Johann Sebastian Bach gibt es ebenfalls mehrere Beiträge für die (doch vermeintlich) katholische Liturgie.

Insofern ist kein Jahrgang des Collegiums 1704 ohne Messe oder Missa denkbar. Bachs Messe h-Moll stand vor drei Jahren (als auch die großartige Einspielung auf CD erschienen war) auf dem Programm, im Oktober vergangenen Jahres schon »trafen« sich Johann Sebastian Bach (Messe g-Moll) und Jan Dismas Zelenka (Missa Omnium Sanctorum). Am Dienstag (Prag) und Mittwoch (Dresden) fanden sich Chor und Orchester mit ihrem Leiter Václav Luks beim Ton A: Johann Sebastian Bachs »Lutherische Messe« (BWV 234) steht in A-Dur, Jan Dismas Zelenkas »Missa Sanctissimae Trinitatis« (ZWV 17) in a-Moll. Diese führte das Ensemble übrigens zum ersten Mal überhaupt auf.

Trotz gleichen Grundtons und ähnlicher Besetzung (Streicher, Basso continuo und Traversflöten, Zelenka verwendet zusätzlich Oboen und ein Chalumeau) sind beide Werke nicht nur in der Anlage, sondern ebenso im Charakter höchst unterschiedlich. Dem Schema »strenger Deutscher – lustiger Böhme« unterwerfen sie sich freilich nicht. Das hätte wohl auch niemand im Publikum erwartet – Kenner und Liebhaber sitzen hier nebeneinander und wissen zu schätzen, was sie geboten bekommen. Da ist es ganz normal, daß die andächtige Stille nach einem »Halleluja« oder (wie diesmal) »Amen« sekundenlang anhält, bevor der Jubel losbricht.

Bach und Zelenka waren beide Meister – es ist müßig und unnötig, den Größeren zu küren oder Ränge zu vergeben. Mit Affekten wußten beide umzugehen, auf den Text zu zielen, innerhalb eines Stückes Höhepunkte zu schaffen. Wenn Bach im Christe eleison die Stimmen fugiert einsetzen läßt, beschränkt er sich nicht auf die Folge Baß – Tenor – Alt – Sopran, er läßt ihnen die Flöten – dolce! – folgen. Lieblich begann seine Messe, fand schon im Gloria zu himmlischer Musik, im Qui tollis peccata mundi noch mehr, wo Sopran und Flöten allein von stetig tupfenden Violinen begleitet waren. Immer wieder traten die Stimmen der Solisten (Miriam Feuersinger – Sopran, Kamila Mazalová – Alt, Tobias Hunger – Tenor und Tomáš Král – Baß) aus dem Chorverbund hervor, wurden ihm hernach sofort wieder einverleibt. Berückend (wieder!) die samtige Stimme von Tomáš Král, während Miriam Feuersinger zunächst noch etwas belegt klang, sich freisingen mußte.

Jan Dismas Zelenkas »Missa Sanctissimae Trinitatis« war noch mehr dem Klang hingegeben, von großer Leichtigkeit. Keine Blechbläser, keine Pauken, dafür die blühenden Farben der Traversflöten, von den Oboen umschmeichelt. Das Chalumeau leuchtete hier und da hindurch, hätte manchmal aber noch deutlicher auftrumpfen können. Beschwingt prägte Anna Petrasovás Alt das Christe eleison – nicht das einzige Mal, daß Zelenka den Rhythmus so vordergründig einsetzt. Immer wieder gelang es dem Orchester, mit herrlichen Tremoli und erfrischenden Streichern jeden Schlag zu ersetzen! Auch im Gloria war nur der Rhythmus jagend, das Stück mitnichten gehetzt. Ein Puls, der auf dem Text lag, dann innehielt, für Zäsuren sorgte. Und das mehrfach – Zelenka hat mit solchen Spannungsbrücken nicht nur die Sätze verbunden, er hat sie auch zwischen einzelne Zeilen gesetzt. So pendelt die Messe zwischen mitreißender Musik und Bezug auf den Text, immer wieder bekamen einzelne Worte Nachdruck, allein fünfmal betonte ein »Amen« oder »Osanna« die letzte Verszeile, bevor der wirkliche Schluß dem »Dona nobis pacem« galt. Ausgewogen waren wieder die Rollen von Chor und Solisten – die letzteren waren Teil des ersteren, das »Et unam sanctam« im Zentrum der Messe mit Miriam Feuersinger, Aneta Petrasová und Tobias Hunger sublimierte ein betörendes Trio, kaum weniger Hingabe hatte das Sanctus des Chores. Mit der großartigen Fuge und dem Friedenswunsch war nur ein vorläufiges Ende erreicht – »Dona nobis pacem« mußte selbstverständlich wiederholt werden.

15. November 2018, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert der Reihe: Am 11. Dezember (Prag / Rudolfinum) und 12. Dezember (Dresden / Annenkirche) gibt es das (ganze!) Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach mit dem Collegium 1704.

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