Spielzeit 2018 / 19 mit Festkonzert eröffnet

Neue Jüdische Kammerphilharmonie feiert elfjähriges Bestehen

Seit 2007 präsentieren die Musiker der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie (NJK) ihrem Publikum Musik klassischer jüdischer Komponisten. Anders als sonst, wenn im Konzert manchmal einzelne Werke Zemlinskys, Tansmans oder Weinbergs mit »gewohnten« der Klassik kombiniert werden, erklingen hier konsequent viele unbekannte, wenig gespielte, vergessene Stücke. »Musik der Erinnerung« titelte deshalb das Programm am Sonntag. Erstmalig war man im Festsaal der Börse Dresden zu Gast, da das eigentliche Domizil, die Synagoge, derzeit eine Baustelle ist. Der »Versuch« im neuen Raum mit der hohen Decke war ein Wagnis, doch er ist gelungen. Zwar führt die Raumhöhe dazu, daß ausgerechnet Dirigent und Initiator Michael Hurshell und seine Musiker sich nicht gut hören konnten und vor allem nicht wußten, ob und wie sich der Hall auf den Klang auf der Publikumsseite auswirkt, doch nun kann man sagen – die Akustik ist trocken und sehr gut! Kein »Gewaber«, keine verhallenden Streicher, sondern Klarheit und Artikulation herrschten vor – was wichtig war, denn bisher kommt die NJK ohne Bläser aus. Um so wichtiger, daß sich die Stimmen der Streicher durchsetzen konnten.

Und das gelang vortrefflich. Immer wieder traten dabei besonders Dalia Richter (Konzertmeisterin) und Hans-Ludwig Raatz (Violoncello) solistisch hervor, entweder, weil in den Stücken ad hoc Soli für sie vorgesehen waren, oder weil Michael Hurshell in den Bearbeitungen von Kammerwerken manche Passagen im Trio oder Quartett der Konzertmeister beließ.

So konnten sich die Zuhörer ganz auf das Unbekannte, eben zum Glück nicht vergessene konzentrieren. Nur wenigen mag einiges bekannt vorgekommen sein. Marc Lavrys »Al Naharot Bavel« – irgendwann schon einmal gehört, Alexander Zemlinskys Quartett A-Dur kannte man vielleicht von einem Kammerabend zwischen Mozart und Beethoven, doch so konzentriert und herausgestellt konnte man diese Werke bisher nicht erleben, und das gilt nicht allein für Dresden. Selbst wenn man nach Konzertabenden mit zeitgenössischer Musik in den Zwanziger- und Dreißigerjahren suchte, fände man wohl kaum etwas derartiges.

Ein Erlebnis war gleich zu Beginn Lavrys Tondichtung, die beeindruckende Stimmungen und Bilder schuf, wozu die Konzertmeisterin einen Liedgesang anstimmte. Groß und weit scheint das Werk, wurde zunehmend heller im Klang, dunkelte später ab – als habe der Komponist einen Tagesablauf beschrieben.

Heller wurde auch das Konzert: nach Lavrys Beginn, den Violoncelli und Kontrabässe bestimmten, folgte Alexandre Tansmans Andante aus dem Tryptique für Streichorchester, das den dunklen Streichern die Violen hinzufügte, bei Franz Schrekers Scherzo schließlich durften die Violinen von Beginn an einstimmen.

Zemlinskys Quartett in der Bearbeitung für Streichorchester hat vielleicht etwas an Spontanität gegenüber der Kammerfassung verloren, doch offenbart es einen großen sinfonischen Reichtum. Diesen bot auch Erich Wolfgang Korngolds Adagio aus dem Sextett Opus 10 – die Bearbeitung war nicht nur eine Dresdner Erst-, sondern wohl Uraufführung! Und sie bewies, daß man Korngold weder auf seine Filmmusik noch auf seine bekannteste Oper (dies alles entstand viel später) reduzieren darf.

Unbestrittener Höhepunkt jedoch war das Trio Opus 48 in der Orchesterfassung (Michael Hurshell) von Mieczysław Weinberg. Die Nähe der beiden Freunde Weinberg und Schostakowitsch hört man durchaus, im Andante jedoch entfaltete sich ein betörender Gesang, der nicht zuletzt Einsamkeit, Alleingelassensein auszudrücken schien. Immerhin: Weinbergs Oper »Die Passagierin« hat in der vorletzten Spielzeit eine großartige Inszenierung in Dresden erfahren. Solche Musik, zeigte sich da wie auch hier im Konzert, berührt die Zuhörer noch heute – der dritte Satz wurde als Zugabe schließlich wiederholt.

26. November 2018, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert: am 19. Dezember, 19:00 Uhr spielt das Trio der NJK im Coselpalaispalais Werke von Felix Mendelssohn und Erich Wolfgang Korngold

Ein Höhepunkt in dieser Spielzeit steht am 2. Juni 2019 bevor. Dann erklingen im Rahmen der Dresdner Musikfestspiele in der Neuen Synagoge Dresden Werke von Erich Wolfgang Korngold, Marc Lavry und Paul-Ben Haim

weitere Informationen unter: http://www.juedische-philharmonie-dresden.de/de/pages/willkommen.html und http://www.musikfestspiele.com/de/programm-tickets/#e657

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