Sinfonischer Wurf

Sir András Schiff und die Capella Andrea Barca im Dresdner Kulturpalast

Das »normale« Format sprengt Sir András Schiff bei seinen Auftritten oft. Sei es, daß er historische Tasteninstrumente mitbringt, sei es, daß er Schumanns gesamte »Kinderszenen« als Zugabe spielt oder daß er – wie am Mittwoch – nicht eines, sondern zwei Klavierkonzerte an einem Abend spielt. Für das Palastkonzert in Dresden gestern hatte András Schiff neben zwei Mozart-Konzerten noch eine Sinfonie ausgewählt.

Ausgewählt und zusammengestellt hat er auch die Capella Andrea Barca, welche allein für den Zweck bestimmt ist und gegründet wurde, zu den Mozartwochen Salzburg sämtliche Klavierkonzerte des Meisters aufzuführen. So findet man unter den Orchestermitgliedern viele Solisten, Kammermusiker, Stimmführer aus bedeutenden Sinfonieorchestern. Wie würde sie sich wohl anhören? Historisch informiert? Kann ein Orchester, das sich nur zu bestimmten Anlässen »findet«, so klingen, so zusammenwachsen, wie ein permanenter Klangkörper?

Sie klangen auf jeden Fall anders, als viele erwarteten. Denn obwohl András Schiff sich »historisch informiert« gerne bedachtsam nähert, war dies hier weniger der Fall – es hätte auch kaum in den modernen Saal gepaßt. Die Capella Andrea Barca versteht es aber gleichwohl, die Erkenntnisse der Auseinandersetzung mit der historischen Aufführungspraxis für sich zu verwenden, den Klang zu formen, Akzente zu setzen. Sie fiel, gleich als das Orchester die Bühne betrat, auf: deutsche Sitzordnung mit den Violinen rechts und links, aber die beiden Kontrabässe »rahmten« das Orchester hinten an beiden Seiten.

Mit allen Bläsern standen gerade einmal 41 Musiker auf der Bühne, die aber verblüffend sinfonisch klangen! Und das erweckte eine schmeichelnde Gediegenheit, die sich gut »anfühlte«, der es aber nicht an Raffinesse oder Betonung fehlte. Mozarts Klavierkonzerte Nr. 15 / B-Dur (KV 450) und Nr. 17 / G-Dur (KV 453) erhielten quasi eine Frischzellenkur, hatten etwas ungemein lebendiges, gerade weil sie auf gewohntem Instrumentarium etwas Altes neu belebten und nicht nur versuchten, dieses zu bewahren. Gewöhnungsbedürftig schien allerdings die (auch tonale) Balance zwischen Orchester und Klavier, einem jedoch herrlichen Bösendorfer, wie man noch hören sollte.

András Schiff holte die beiden Werke sozusagen vom Konzertsaal auf die Opernbühne, denn neben rhythmisch-tänzerischen Elementen, die an Balletteinlagen erinnerten, gab es immer wieder geradezu ariöse Passagen. Schon die Einleitung zum Andante aus KV 450 (bevor der Solist einsetzte) klang, als würde das Orchester den Auftritt einer Mezzosopranistin vorbereiten. Obwohl das Klavier doch prominent hervortrat, gelang es András Schiff, gerade Dialogisches zu betonen, wofür ihm Mozart mit der reichhaltigen Bläserbesetzung genügend »Material« in die Hand gegeben hatte.

Eingebettet zwischen den beiden Konzerten hatte András Schiff die Sinfonie Nr. 38 (KV 543) platziert. Ein Werk, das der Oper ebenso nahesteht wie es noch von Sturm und Drang geprägt scheint. Die Ausdruckspallette reichte jedoch weit über ein opernhaftes Dräuen hinaus bis zur burlesken Lesart eines Menuetto.

Solch sinfonische Belebung gab es auch im zweiten Konzert nach der Pause, das vom dialogischen Wechselspiel der Bläser ebenso geprägt war, wie das Andante als Serenade begann. In der Kadenz offenbarte der Pianist jene leichte Plauderei, die Mozart so ungemein betörend beschreiben konnte.

Nach zwei Klavierkonzerten und einem reinen Mozart-Programm, was bringt man da als Zugabe? Vielleicht das Rondeau D-Dur von Wolfgang Amadé? Nein – die Aria aus den »Goldberg-Variationen«. Sie war so beschwingt und sicher auch schneller, als András Schiff sie spielen würde, wenn er den ganzen Zyklus aufführte.

7. Februar 2019, Wolfram Quellmalz

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s