Ein Unvollendeter?

Reihe »Unerhörtes« ehrt Hermann Keller

Bereits zum dritten Mal lud die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) zu einem Konzert mit Musik von Komponisten aus der DDR bzw. den neuen Bundesländern. Nach »Neuer Musik aus Ostdeutschland« im Januar und »Dresdner Liedern« im Februar standen am Sonnabend im Klemperer-Saal der SLUB Hermann Keller und Juliane Klein im Mittelpunkt. Hermann Keller wäre an diesem Tag 74 Jahre alt geworden, er verstarb bereits im März 2018. Neben dem Gedenken und Erinnern galt es, einen erfreulichen Anlaß zu begehen: Die Komponistin Juliane Klein hat in ihrer Edition nicht nur eigene Werke, sondern auch die Hermann Kellers veröffentlicht.

Gleich fünf Kammermusikstücke standen auf dem Programm, zwei davon als Uraufführung. Für eine liebe- und hingebungsvolle Aufführung sorgten Antje Messerschmidt (Violine), die Hermann Keller nicht nur gekannt, sondern viele Jahre mit ihm zusammengearbeitet hat, sowie Cosima Gerhardt (Violoncello) und Tomas Bächli (Klavier). Sie begannen den Abend mit Juliane Kleins »Aus der Wand die Rinne 1, 2 und 5«, einer simultanen Aufführung von drei Stücken. Auch wenn diese Stimmen an sich eigenständig sind, ergeben sich doch eine Reihe von Bezügen während des Spielens. Sei es, weil sie musikalisch angeboten werden oder weil sie impulsiv bzw. improvisatorisch durch die Spieler entstehen und jede Aufführung einzigartig machen.

Hermann Keller war nicht nur Komponist, sondern ein versierte Pianist, der auf der Suche, den Klangraum zu erweitern, dem Part seines Instruments enormes abverlangte. Davon spricht auch seine zweite Sonate für Klavier Bände. Dynamisch, beweglich scheint die Musik zu springen, zu lauern – der Klangraum wurde hier fühlbar. Gleichzeitig werden diese »Episoden« von einer übergeordneten Struktur gebunden, angetrieben, was Tomas Bächli höchst lebendig darbot.

»Prangere an: die Zerstörung der Erde, aber genieße, was noch übrig ist«, 2014 als Stück für Violine solo entstanden, war eine Uraufführung an diesem Abend. Auch hier war der Klangraum wirklich als räumliche Erfahrung, Eroberung zu erleben. Aufwärts, abwärts, in vielen Figuren und mit bindenden, sinnlich-melodiösen Bögen eroberte das Stück den Raum, schlug eine Brücke zu klassischer Melodik. Der dritten Satz, über weite Strecken nur gezupft, setzte die Raumeroberung fort, bevor er (nun gestrichen und mehrstimmig) in einer Verdichtung endete – was für ein Schlußwort!

Juliane Kleins »In Erinnerung … 3 Lieder« für Klaviertrio, die zweite Uraufführung, schien im Vergleich weniger erobernd, sondern suchend. Impressionistisch flimmerten die Streicher über Tonleitern, fanden einen Ruhepunkt. Doch auch dieses Werk war angetrieben von einem Puls, einem Wellenschlag, sich auflösenden Dreiklängen.

Mit Hermann Kellers Klaviertrio von 2009 gab es zum Abschluß noch eine musikalische Erfrischung. Die Impulsivität ist diesem Werk ebenso eingeschrieben. Es scheint mit einem gewitzten Scherzo und einem Intermezzo zu enden, als wäre da noch etwas offen, noch nicht alles gesagt. Am Ende siegt Neugier.

1. April 2019, Wolfram Quellmalz

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