Funkensprühend!

Dorothee Oberlinger und l’arte del mondo beglücken das Publikum in der Dresdner Frauenkirche

Da wären sicher auch Georg Friedrich Händel oder Antonio Vivaldi begeistert gewesen, wenn sie das Feuerwerk erlebt hätten, das Dorothee Oberlinger und die l’arte del mondo unter der Leitung von Werner Ehrhardt am Freitagabend in der Frauenkirche zündeten. Und dabei verzichtete das Orchester auf Pauken und Zimbeln ebenso wie auf die Bläser. Vier Flöten nur waren zu hören – alle nacheinander von der Solistin gespielt. Je nach Werk wechselte Dorothee Oberlinger nicht nur in bestimmte Stimmlagen (Alt, Sopran und Sopranino), sie füllte diese Singstimmen mit einem individuellen Charakter aus. Dabei zeigte sich: die Flöte ist ganz klar viel näher an der Stimme der Singvögel als an der menschlichen – nicht nur Antonio Vivaldi wußte das.

Doch zunächst gab es einen vermeintlich schlichten Ground in c-Moll für Blockflöte und Basso continuo von Godfrey Finger. Dieser Baßgrund eröffnete bereits einen musikalischen Reigen, den Zusammenschluß der Solistin mit einem feinen Ensemble, das mit Cembalo, Kontrabaß und Laute den Abend eröffnete, bevor Dorothee Oberlinger dem Stück zum Puls noch einen hauchigen Atem schenkte.

Mit Georg Friedrich Händel wurde es gleich darauf (ohne Pause angeschlossen) deutlich virtuoser und gesanglicher. Das Orgelkonzert Opus 4 Nr. 5 (HWV 369) ist aus einer Flötensonate hervorgegangen, und die (Rück)Bearbeitung als »Umkehrschluß« offenbarte, wie nahe sich eine Flöte und hundert Pfeifen kommen können. In den schnellen Sätzen bewies die Solistin Finger- und Zungenfertigkeit, wurde vom Ensemble mit musikalischem Perlmutter ausgestattet. Ob Violoncello (Felix Zimmermann), Cembalo (Massimiliano Toni) oder Laute (Emanuele Forni) – hier gab es jede Menge funkelnde Stimmen. Dabei blieb Dorothee Oberlinger mit den anderen Musikern eng verbunden, auch eine rasante Steigerung führte zu keinem bloßen Staccato, was die Wirksamkeit von Effekten und Betonungen noch erhöhte.

An den Ensemblequalitäten durften sich die Zuhörer im Concerto grosso D-Dur Opus 6 Nr. 5 (HWV 323) von Georg Friedrich Händel weiter ergötzen, bevor es vor der Pause mit Giuseppe Sammartini noch ein Flötenstück gab (Konzert in F-Dur). Auch hier hielt der enge Verbund, in der Begleitung wie im Widerhall der Solostimme in der zweiten Violine (Petar Mancev). Im dritten Satz schließlich blitzte die Flötenstimme um so effektvoller daraus hervor.

Wahre Verführungskünste offenbarte Dorothee Oberlinger nach der Pause bei Antonio Vivaldis »La notte« (Konzert g-Moll RV 439). Nun auf einer noch etwas tieferen Altflöte machte sie Ruhe wie Spukträume gleichermaßen lebendig, vor allem aber wurde klar: die Stimmlage ist nur die eine Seite – die andere (viel wichtigere) besteht in der charaktervollen Gestaltung, die ebenso gesanglich wie geheimnisvoll rauchig sein konnte.

Bei einem weiteren Concerto grosso (Evaristo Felice Dall’Abaco) und dem C-Dur-Konzert von Antonio Vivaldi (RV 443) durften es die Künstler schließlich nicht belassen. Und eine Zugabe (aus Allessandro Marcellos Oboenkonzert) in d-Moll genügte auch nicht. So gab es noch eine Gavotte Arcangelo Corellis mit Verzierungen von Giuseppe Pascucci zur Erfrischung.

4. Mai 2019, Wolfram Quellmalz

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