Nur Mut!

Philharmonisches Kammerorchester der Dresdner Philharmonie feiert 50jähriges Bestehen

Es gibt gute Jahrestage, die man feiern kann: vor 50 Jahren setzte der erste Mensch seinen Fuß auf den Mond, vor 50 Jahren wurde aber auch das Philharmonische Kammerorchester Dresden gegründet, nachdem bereits verschiedene Formationen vorrübergehend in Erscheinung getreten waren – das PKD beginnt nun das sechste ununterbrochene Jahrzehnt des Musizierens. Seit 2002 wird es von Wolfgang Hentrich (Konzertmeister der Philharmonie) geleitet.

Blickt man in den Repertoirekatalog, fallen verschiedene Schwerpunkte auf: neben der Romantik standen und stehen immer wieder Werke aus dem Barock auf dem Programm, ebenso die Moderne. Daß also Johann Sebastian Bach mit 9 (bzw. 6 ohne die Passionen und Oratorien) Werken in der Liste vertreten ist, überrascht nicht, doch auch Othmar Schoeck (vier) findet man darin, den zeitgenössischen Pēteris Vasks gar sechsmal! Das ist nicht zuletzt den »Dresdner Abenden« zu verdanken, einem der innovativsten und mutigsten Programme des PKD – hoffentlich finden sie eine Fortsetzung.

Zu den meistaufgeführten Gattungen zählt wohl die Serenade – von Mozarts »Kleiner Nachtmusik« bis zu Tschaikowski (zumindest in den letzten Jahren ist dessen Serenade Opus 48 das vielleicht am häufigsten gespielte Stück) – genau diese Musik war entsprechend auch am Sonnabend im Konzertsaal des Kulturpalastes zu hören.

Es wunderte aber nicht, daß am Beginn des Programms Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel standen. Das dritte der Brandenburgischen Konzerte und das Concerto Grosso h-Moll, Opus 6 Nr. 12, so sagt die Historie, wurden schon vor 50 Jahren in den ersten Konzerten gespielt. (Da ist es eigentlich schade, daß man die beiden Auftritte vergleichen nicht kann – damals wurden sie leider nicht aufgezeichnet.) Der Klangcharakter der Philharmonie ist durch die Romantik geprägt, und dieser Charakter trägt auch bei Bach und Händel, selbst wenn er heute »historisch reflektierter« ist. Und trotz der sachten »romantischen Anreicherung« gingen keine Stimmen unter. So blinkte das Cembalo von Sonnhild Fiebach durch, die im zweiten Satz bei Bach um die Aria der Goldbergvariationen improvisierte.

Improvisieren gehört zum »täglich Brot« eines Organisten. Und der Name Naji Hakim ist in Dresden durchaus nicht unbekannt. Im Rahmen des Orgelzyklus erklangen Werke des französisch-libanesischen Komponisten schon mehrfach, wenige Meter vom Kulturpalast entfernt, in der Kreuzkirche. Sein drittes Orgelkonzert greift eine traditionelle Satzform auf, wobei es von einer feingliedrigen Ornamentik und Lebhaftigkeit geprägt ist, wie man sie ebenso bei Jean Françaix findet. Nach diesem Wirbel führte die amtierende Palastorganistin Iveta Apkalna – gut sichtbar auf der Bühne sitzend – noch den »Tanz« einer modernen Pedalstudie vor.

Seine Zugewandtheit bewies das PKD mit einer Uraufführung nach der Pause, dabei ließ der Programmhefttext zunächst »schlimmeres« erwarten: Shir-Ran Yinon ist eine deutsche Komponistin mit israelischen Wurzeln, Performerin und Arrangeurin und zwischen Klassik und Metal in vielen Genres zu Hause. »Present«, so der Titel ihres Werkes, faßt sie gedanklich in drei Ebenen der Wortbedeutung zusammen (»präsentieren«, »Geschenk« – zum 50jährigen Bestehen des PKD – und »Gegenwart«) und beginnt mit der Formation der Musiker, die einzeln spielend die Bühne betreten und dort zu einem Orchester wachsen. Dabei spielt die Komponistin mit Anklängen, Zitaten, trifft letztlich den traditionellen Serenadenton – etwas »sperriger« hätte ein Stück von heute dann doch sein können.

Tschaikowski und eine Nachtmusik als Zugabe, eben »Serenaden« im besten Sinn, schlossen den Abend. Romantischer Streicherklang mit Crèmeschicht sozusagen, aber doch hoffentlich auch bald wieder mit Neu- und Wiederentdeckungen!

29. September 2019, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert des Philharmonischen Kammerorchesters Dresden: 1. April 2020 »Bach-Marathon«, mit Anna Vinnitskaya (Klavier)

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