Glänzend, überirdisch (oder »intergalaktisch«)

Heinrich Schütz Musikfest mit dem RIAS Kammerchor eröffnet

Das Heinrich Schütz Musikfest titelt in diesem Jahr »etwas neues herfürzubringen« und hat den Mond aufs Programmheft genommen, da paßte der spontane Kommentar eines Besuchers zum Eröffnungskonzert, dieser Chor sei »intergalaktisch« irgendwie ganz gut – Schütz war nicht gestern, Schütz ist heute!

Als »Opus ultimum«, so der Titel des Abendprogrammes gilt Heinrich Schütz‘ »Der Schwanengesang. Des Königs und Propheten Davids 11. Psalm«, das im Zentrum des Eröffnungskonzertes stand. Wie immer gab es dies (mit kleinen Variationen) dreimal: am Freitag bereits in Gera (Konzertsaal des Theaters), am Sonnabend in der St. Marienkirche Weißenfels und gestern nun in der Dresdner Annenkirche. Zu Beginn war das Magnificat a 14 Giovanni Gabrielis zu hören, jenes Meisters, bei dem Heinrich Schütz in Venedig die Mehrchörigkeit studiert hatte, welche für ihn bestimmend bleiben sollte – mit einem Magnificat schließt auch Heinrich Schütz‘ »Schwanengesang« ab.

Schon mit Gabrieli und dem Ruf in den Tenören steigerte sich der RIAS Kammerchor in einen ergreifenden Gesang, in welchen die Musiker der Capella de la Torre (Leitung: Katharina Bäuml) dicht verwoben, einschmeichelten – sie sollten in vier instrumentalen Einschüben von Michael Praetorius und Giovanni Bassano zeigen, wie feinsinnig und farbenreich sie zu musizieren verstehen. Dann ließ der Dirigent des Abends, Justin Doyle, sein Amt kurz ruhen – die Capella war um ihre Leiterin hervorragend orientiert und bedurfte keiner »Einmischung«.

Während der nicht eben kleine Kammerchor bei Gabrieli noch recht mächtig klang, eigentlich zu groß für die Annenkirche (was tags zuvor vielleicht anders gewesen ist), hatte Doyle die Dynamik bereits mit Schütz‘ erstem Gesang wieder angepaßt. Und auch hier, in den an der Gregorianik orientierten Einleitungen und der stetig wiederholten Schlußzeile »Ehre sei dem Vater …« überließ der Dirigent den Sängern das Maß des Atems, ausgenommen eine etwas eigenwillige Pause vor »und dem Heiligen Geiste« – diese Betonung sollte doch nicht die Dreieinigkeit aufheben?

Der in zwei Chöre aufgeteilte RIAS Kammerchor konnte sich unter Doyls sehr präziser und klarer Leitung großartig in Szene setzen, und das, obwohl beide Chöre doch »nur« im Altarraum standen und nicht oben in den Emporen. Und auch an Feinsinn fehlte es dabei nicht, denn immer wieder konnte der Gesang ganz zart herniedersinken, machten sich sachte Lauten- oder Orgelbegleitung bemerkbar. Die prächtig blinkenden Bläser (Zink und Posaunen) blieben im Ton elegant.

Justin Doyle legte ganz offenbar großen Wert nicht nur auf Textverständlichkeit, sondern -vermittlung und -deutung. So wurde das Konzert in der Annenkirche nicht zur Mond- sondern zur Sternstunde. Mit einer Zugabe Christoph Bernhardts, eines Meisterschülers Heinrich Schütz‘ (oder analog zu »Sagittarius« »Christophorus Bernhardus«) bedankte sich der RIAS Kammerchor bei seinem Publikum und verabschiedete sich – vorerst.

7. Oktober 2019, Wolfram Quellmalz

Den RIAS Kammerchor können Sie noch einmal im Abschlußkonzert (13. Oktober, Dreikönigskirche, Dresden) erleben. Zuvor (12. Oktober, Kirche St. Leonhard, Bad Köstritz) gestalten Solisten des Chores ein Konzert mit Robert Hollingworth.

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