Das ist natürlich Kunst!

Konzert des Neuen Klaviertrios Dresden im Hygienemuseum

Man kennt solch provokante Fragen wie »Ist das noch Kunst oder kann das weg?« eigentlich zur Genüge. Doch man muß sich ja nicht provozieren lassen und kann sich des Themas offensiv annehmen. »Wohin mit der Schönheit« fragte die Sächsische Akademie der Künste zu ihrem zwanzigjährigen Jubiläum 2016, ganz allgemein und von allen Zwängen und Hüllen befreit kann man zwischen dem, was die Natur hervorbringt, dem Natürlichen, und dem, was der Mensch herstellt oder erschafft, dem Künstlichen, unterscheiden. Wo aber liegt der Unterschied zwischen »Kunst« und »künstlich«? Den Ursprung haben beide Begriffe gemein, und bei manchem liegt die Kunst genau darin, die Natur (vor)täuschend echt nachzugestalten …

Von solchen Gedanken ausgehend hatte das Neue Klaviertrio Dresden gestern zu einem Konzert ins Hygienemuseum geladen. Zu hören gab es vier Werke – zwei neue und zwei »alte«, wie man in diesem Rahmen wohl sagen muß, wenn die Stücke bereits 2012 und 1975 geschrieben worden sind. Doch gab es nicht nur »zu hören«, sondern zu erleben.

Denn das zweite Stück des Abends, Shen Hous »Fleck, Fitzchen, F …« spürt dem Ansatz nach, daß in der Folge von Karlheinz Stockhausen Musik nicht nur den Raum und die Bewegung nutzt, sondern zunehmend die Situation berücksichtigt, zur Performance wird. Dafür waren die drei Spieler schon zu Beginn verteilt aufgestellt, die beiden Streicher spielten draußen. Und was sich dann »erhob«, war mehr Vorstellung als nur ein Musikstück. Donnerbleche und Rieselröhre (bzw. Glasmurmeln) sorgten für Geräusche, interpretierbar – vielleicht ein Gewitter, vielleicht mehr? Den fast vollkommen dunklen Raum eroberten Klänge, Szenen, die nicht nur über das Musikalische, sondern auch das Geräuschhafte hinausgingen. Pianist Clemens Hund-Göschel spielte mit einer Maske vor dem Gesicht – »Flieger« (oder Flugzeug), leicht schwankend mit ausgebreiteten Armen in der Schwebe verharrend, Cellist Matthias Lorenz spielte – natürlich – Cello, durchleuchtete mit einer Stirnlampe den Raum (ausschnittweise), Violinistin Ute-Marie Lempert war das Stück über gar nicht im Saal, sondern in den angrenzenden Räumen, spielte von dort Töne und Klänge ein. Es ging nicht um Motive, vielmehr um Situationen, und darum, sie mit Licht, Schatten, Klang zu füllen, Gedanken auszulösen, welche zur Szene gehören und die Situation ausmachen oder bereichern können. Wir sind es gewohnt, daß in der Musik ein Ton entsteht, wenn ein Bogen über eine Saite streicht. Und wenn er über die Zarge streicht? Was, wenn es klingt, als atme jemand? Am Ende waren alle Töne und Lichter verloschen, und der erste Mensch, der auftauchte, gehörte nicht zum Trio, sondern war ein Museumstechniker. Das erinnerte an die aktuelle Inszenierung von Thomas Bernhardts »Alte Meister« am Staatsschauspiel Dresden. Dort ist ein Museumswärter in die Handlung einbezogen. »Alte Meister« hat aber auch eine andere Bedeutung, es war der Titel der in diesem Jahr abgeschlossenen Reihe mit Konzerten für Violoncello solo von Matthias Lorenz.

(Das Stück erklang als B-Uraufführung. Am Tag zuvor hatte das Neue Klaviertrio Dresden das gleiche Programm bereits in Berlin gespielt, es erklingt heute und morgen noch einmal in Chemnitz und Görlitz.)

Mit Osmo Tapio Räihäläs »Temptations« von 2017 hatte der Abend begonnen. Aus einem dumpfen Klavierakkord eroberten hier Klänge den Raum, blieben meist Partikel, die wachsen oder anregen können – beides wäre ein Ausgangspunkt für Entwicklung. Teilweise spielten die drei Musiker wie in freien Sequenzen, dann wieder band sie das Stück enger zusammen. Mit flirrenden Tönen und Aufwärtsfiguren blieb »Temptations« dabei lebendig und frisch. Einzelne hart gerissene Saiten oder ein Ruhepol um das Violoncello in der Mitte des Stückes bildeten Zentren, so daß für eine sich stetig wandelnde Orientierung und Spannung gesorgt war.

Mit Georges Aperghis (Trio, 2010) und Salvatore Sciarrino (Trio, 1975) gab es zwei »alte» Werke. Während Aperghis mit Sequenzen, die wie aus einer Spieldose klangen, den (Frequenz-)Raum eroberte und die Partikel wachsen ließ, zeichnete Salvatore Sciarrino mit seinem Trio einen Wasserstrudel nach, wobei der perlende Klang den Wirbel, Strudel und die Lebendigkeit des Wassers darstellte, den die Streicher strömend bereicherten. Mit dumpfen Klängen und Rauhheiten wurde der Strudel aber um eine Komponente des Bedrohlichen erweitert, insofern war die Spannung beinahe naturalistisch. Sie über die Länge des Stückes zu halten war dennoch (zumindest nach diesem anspruchsvollen Programm) für den Zuhörer eine »Aufgabe«, der das Publikum aber mit Interesse und Freude folgte.

1. November 2019, Wolfram Quellmalz

Konzerttip: Das ist natürlich Kunst! Noch einmal heute, 19:30 Uhr, Neue Sächsische Galerie Chemnitz sowie am Sonntag, 18:00 Uhr in der Görlitzer Annenkapelle

http://www.klaviertrio.net/

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