»Gedenken« heißt mehr als nur erinnern, Teil 1

Daniel Heide und Christian Brückner gestalten berührenden Abend für Viktor Ullmann

Vielleicht wären am Sonnabend mehr Besucher in die Unterkirche der Frauenkirche gekommen, wenn sie gewußt hätten, worum es ging: Daniel Heide (Klavier) und Christian Brückner (Sprecher) führten ein Melodram von Viktor Ullmann (1898 bis 1944) nach dem berühmten Prosatext »Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke« von Rainer Maria Rilke auf. Der plakative Titel »Wandlung III« schien beliebig und konnte alles bedeuten – oder nichts. Wie schade, denn zu Gast waren zwei außerordentliche Künstler: der eine zählt als (Synchron-)Sprecher zu jenen, deren Stimme jedem unverkennbar im Gedächtnis haftet, der andere ist einer der raren, unvergleichlichen Pianisten, die sich mit jeder Faser auf einen Partner, auf ein Werk einzustellen vermögen. Ein »Klavierbegleiter« zu sein, bedeutet soviel wie ein Chamäleon zu werden: es gilt, sich einem Partner und einem Stück anzupassen, deren »Farbe« anzunehmen, ihrem Charakter zu entsprechen. Gleichzeitig sollen sie dennoch eigenständig, möglichst unverkennbar bleiben, sich selbst einbringen. Daniel Heide beherrscht diese Kunst, obwohl oder gerade weil er sich nicht beliebig an jeden anpaßt, sondern sich in ausgewählte Projekte vertieft.

Der Komponist Viktor Ullmann lebte in Prag, als er 1942 verhaftet und ins Lager Theresienstadt deportiert wurde. Zusammen mit anderen jüdischen Musikern belebte er hier – von den Nazis perfide »gefördert« – das kulturelle Leben. Zahlreiche Werke entstanden in Theresienstadt, wie die Kammeroper »Der Kaiser von Atlantis«, die in der bemerkenswerten Fassung von Christiane Lutz vor wenigen Jahren auch in Dresden zu erleben war. Ullmann setzte sich in seinen Werken nicht nur mit seiner unmittelbaren Situation auseinander, sondern suchte und fand dem Leben und der Schönheit zugewandte Stoffe. Insofern war es angebracht und passend, daß der dem Rilke-Text vorangestellte Prolog, der den Autor und die Entstehung des Werkes erläuterte, keinen dramatischen oder gar tragisch »illustrierenden« Charakter hatte. So blieb er von einer Bedachtheit gekennzeichnet, von einem Be- und Gedenken, in das Daniel Heide kleine Klavierstücke, Improvisationen über das Thema aus einer Filmmusik, ein Satz aus Schuberts Sonate D 959 und aus Beethovens Opus 109 eingefügt hatte wie Geschenke an das Publikum (oder an Viktor Ullmann).

Es ist nicht immer sinnvoll und ratsam, das Grauen auch noch grauenvoll auszumalen. Genau das kennzeichnet auch Viktor Ullmanns Bearbeitung des Textes als Melodram – es ist vielschichtig, fein, ambivalent. Der Text verherrlicht das Soldaten- bzw. Heldenleben, schließt die letzte Liebesnacht des Cornets ein, führt aber auch das tragische Ende eines gefallenen Soldaten vor Augen. Er spricht dabei für sich, oft auch allein, dann hat ihm Ullmann keine Musik unterlegt. Christian Brückner spürte darin dem Leben nach, noch im Tod, aber auch der Illusion. Sein Augenkontakt mit dem Pianisten schien eher einem inneren Einverständnis zu folgen als eine Notwendigkeit zu sein. Den Klavierdeckel ließ Daniel Heide übrigens fast geschlossen, was das Ausdrucksspektrum noch bereicherte. Einfach großartig – ein Melodram mit Tiefenwirkung!

11. November 2019, Wolfram Quellmalz

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