»Musiknation Deutschland?«

Mit großem Interesse greift man als selbst aktiver Begleiter der aktuellen Musikszenerie in unserem Land zu einem Buch mit dem Titel »Musiknation Deutschland?« aus der Feder von Arnold Werner-Jensen. Der Autor ist Musikprofessor und selbst Pianist und Cembalist, regelmäßiger Liedbegleiter und Kammermusiker. Er beginnt mit einer kurzen Beschreibung der gegenwärtigen Situation des Verhältnisses der besten Orchesterlandschaft der Welt zu den Gegebenheiten vor Ort. Er lenkt seinen Blick auf die Zukunft der Orchester und die damit nötige Unterstützung durch die Kulturpolitik zur Erhaltung der einzigartigen Situation, wobei er sich mit seiner umfangreichen Sicht auf die Rolle der Orchester zwischen Profilbildung und Globalisierung konzentriert. Dabei kommen den Funktionen der Dirigenten wesentliche Aufgaben zu.

Nicht minder wichtig ist die Sicht des Autors auf die Spielstätten und das Publikum. Letzteres mit zunehmenden Problemen, denn es wird immer älter, die junge und mittlere Generation nimmt unter den Konzertbesuchern immer mehr ab. Man versucht in ganz Deutschland bei Opernhäusern und Orchestern mit besonderen Formaten Kinder und Jugendliche anzulocken, denn der Musikunterricht an den Schulen steht nicht mehr so im Blick wie ehedem oder fehlt völlig, von den beispielgebenden Musikschulen einmal abgesehen. In diesem Kontext ist seine Aufzählung und Darstellung der vorhandenen Orchester in Deutschland einschließlich der leitenden Funktion der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) von großer Bedeutung: Bewahrung der weltweit einzigartigen Vielfalt professioneller Orchester und Rundfunkensembles, Verantwortung der Klangkörper und ihrer Mitglieder für einen breiten Musiker- und Publikumsnachwuchs sowie Arbeitsbedingungen und gerechte Entlohnung von Musikerinnen und Musikern. Es folgen Betrachtungen zur Geschichte der Orchester bis hin zu Neugründungen aber auch Schließungen sowie Vereinigungen.

Mit seinen Beschreibungen zur Wirkungsweise mehrerer Orchester an einem Ort leitet er über zu den Funktionen von Opern-, Rundfunk-, Konzert-, und Kammerorchestern, wobei sein Gespräch mit Christian Thielemann am Bayreuther Festspielorchester noch einmal Aufmerksamkeit auf die Gesamtthematik von Dirigent, Musiker und Klang zu lenken vermag.

Der Überblick über den Bestand von Kulturorchestern in den einzelnen Bundesländern, 129 in ganz Deutschland, rundet die Thematik und ist auch für so manchen Kulturpolitiker von Bedeutung. Denn im Untertitel zu seinem Buch steht »Ein Plädoyer für die Zukunft unserer Orchester.« Dieses das Buch abschließende Plädoyer endet mit dem Satz:

»Wir müssen lernen und lehren, dass Kultur – und hier insbesondere noch einmal die gewaltige, vielfältige und weltweit einzigartige deutsche Orchesterlandschaft – kein Luxusgut ist, sondern ein Grundnahrungsmittel, ein Treibstoff, der unsere Gesellschaft auch in den nächsten Jahrzehnten und hoffentlich Jahrhunderten am Leben erhält.«

So weit, so gut, und das in einer Zeit, wo die Menschen zunehmend elektronisch gelebt werden alltäglich mit ihren Handygeräten am Ohr mit Musik selbst in öffentlichen Verkehrsmitteln. Schließlich eine kleine Kritik an den Autor: in seinen fundierten Ausführungen spielen Amateurorchester an vielen Orten unseres Landes mit zum Teil hohem Niveau keine Rolle. Sind sie doch ebenfalls Brückenbauer für die Zukunft, was das Zusammenwirken von Laien und Profis betrifft und damit Werbung für das Genre.

26. November 2019, Hans Lehmann

Arnold Werner-Jensen »Musiknation Deutschland? – Ein Plädoyer für die Zukunft unserer Orchester«, Sachbuch, Henschel-Verlag, broschierte Ausgabe, 208 Seiten, 18,- €

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