Luftig und kontrastreich

Orchestre de Chambre de Lausanne und Lucas Debargue in der Dresdner Frauenkirche

Schon öfter habe ich mich an den Programmtiteln in der Frauenkirche »gestoßen«, welche eher einem Gedanken des Marketings als der Musik folgen. Daß die »Kontraste« am Freitag tatsächlich musikalisch erklangen, lag vor allem an der Umsicht des Dirigenten und dem musikantischen Talent eines großartigen Pianisten.

Mit »Within her arms« (In ihren Armen) für Streichorchester von Anna Clyne nahm das Orchestre de Chambre de Lausanne zunächst ein Werk von 2009 unter die Bögen, das die Komponistin ihrer Mutter gewidmet hat. Es beginnt mit einem an ein Kinderlied erinnernden Motiv in den hohen Streichern, wozu die Bässe kurze Kontrastpunkte einwerfen. Später tragen sie dauerhaft und die Violinen sind es, die kleine Lichtpartikel streuen. In ihrer Verschmelzung offenbarte Dirigent Joshua Weilerstein eine meditative und emotionale Kraft, wie sie auch Arvo Pärts Werken innewohnt.

Im Rückblick sollte »Within her arms« dennoch etwas verblassen, denn die folgenden Werke waren substantiell und im Vortrag um vieles reicher. Wolfgang Amadé Mozarts c-Moll-Konzert KV 491 – die Tonart und der bedächtige Charakter schienen passend für die Jahreszeit – schimmerten zunächst in pastellenen Farben durch die Frauenkirche, doch Pauken und Bässe machten deutlich, daß nicht alles eitel Sonnenschein ist. In diese Spannung ließ Lucas Debargue, dem nach wie vor ein Wunderkind- oder Wunderpianistenimage anhaftet, das Klavier perkussiv eindringen. Dabei bewies er – wie Joshua Weilerstein – viel Feingefühl für den Raum und seinen Nachhall. Ein Feingefühl, das sich auf das Publikum übertrug – wie schön, daß alle Werke ihre Schlußakkorde entschweben lassen konnten und der Applaus erst dann einsetzte!

Sinnend und trotz allem Moll frohlockend durchforschten Debargue und Weilerstein Mozarts Partitur, luftig und erfrischend klar, dabei aber immer mit Maß und nie mit Pomp – jeder Nuance, jedem kleinen Fagottsolo ließ Weilerstein den Raum zur Entfaltung. Pianist und Dirigent blieben kernig und forsch in Tempo und Agogik – für seichte Betulichkeit war da kein Platz! Der zweite Satz lebte vom sanglichen Wechsel der Holzbläser mit dem Klavier, dem dritten wohnte etwas vom mahnenden Schicksal, etwas von Endlichkeit inne, im Kern behielt er dennoch den befreienden Blick der Heiterkeit.

Lucas Debargue, der bereits mit einer eigenen Kadenz Fingerspitzengefühl bewiesen hatte, fügte als Zugabe noch die moderne Fassung von Präludium und Fuge von Stéphane Delplace hinzu. In Es-Dur hatte der seine Sicht auf Bach beschrieben, verblüffend und bezaubernd! (Wenn da noch etwas offenbleibt, dann nur die Einladung an den Pianisten zu einem Soloabend.)

Mit Robert Schumanns zweiter Sinfonie wandten sich Joshua Weilerstein und das OCL (dessen Musiker aus dreizehn Ländern kommen) dem nochmals luftigeren C-Dur zu. Kammermusikalisch austariert behielt ein Tremolo der zweiten Violinen seinen dramaturgischen Effekt ohne Schwere. Oft gingen die Stimmführer im Quartett voran, verschmolzen dann erneut mit den Bläsern, die auch im »Blech« jeden grellen oder lauten Auftritt mieden. Im Adagio erinnerten sie in der Klangfarbe gar an Mozarts Gran Partita.

Mit der zweiten der Drei Miniaturen von Kara Karayev als Zugabe bewies das OCL noch einmal superbe Klangqualität – Bravo!

23. November 2019, Wolfram Quellmalz

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