Freiberger Sternstunde

Ein umwerfender Hector Sandoval in der letzten Vorstellung von Andrea Chénier

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Gast in Freiberg: Hector Sandoval (Agenturphoto)

Das Mittelsächsische Theater hatte seine Besucher im Frühjahr mit einer stimmungsvollen Inszenierung der Revolutionsoper »Andrea Chénier« begeistert, der Zuspruch war gerade in Freiberg entsprechend groß. Auch wenn die Oper von Umberto Giordano vielleicht nicht die ganz große Rarität ist, so war sie in der Region doch lange nicht zu erleben. (In dieser Spielzeit gibt es deutschlandweit nur noch Vorstellungen am Mecklenburgischen Staatstheater und an der Deutschen Oper Berlin.) Mit solchen Pretiosen kann ein Theater natürlich »punkten«, andererseits birgt dies die Gefahr, daß bei Ausfall eines Sängers die Rolle weniger leicht zu besetzen ist als eine Mimí oder ein Papageno. Von solchen Ausfällen war auch das Mittelsächsische Theater betroffen, doch fand sich meist ein nicht nur stimmiger Ersatz, sondern wurden die Sänger auch immer gut ins Ensemble integriert. (Für die von uns am 12. Mai in Döbeln besuchte Aufführung hatte es hausintern einen »Ringtausch« der Rollen gegeben, nachzulesen in Heft 33, Seite 34.)

WIEDERAUFNAHME IN FREIBERG

Im Oktober und November stand »Andrea Chenier« wieder im Spielplan des Mittelsächsischen Theaters, und nur eine Vorstellung mußte krankheitsbedingt abgesagt werden. Der Abschluß am vergangenen Sonntag war dafür um so glanzvoller, denn als »Einspringer« in der Titelpartie – seiner Lieblingsrolle – kam Hector Sandoval aus Wien angereist. Sandoval ist ein international gefeierter Star, der nicht nur in Heidelberg und Hamburg, sondern auch bei den Osterfestspielen in Salzburg und in der Oper Tel-Aviv aufgetreten ist – gut, wenn man (in diesem Fall der Generalmusikdirektor Raoul Grüneis) gute Kontakte hat!

Zum Erlebnis wurde die Dernière aber vor allem deshalb, weil hier kein eingeflogener Star seine Show »abzog«, sondern weil der Tenor ein tiefgehendes Verständnis und die nötige Empathie für die Rolle aufbrachte und alle mitzog – erneut galt: Oper ist Ensemblearbeit. Das war noch im Schlußapplaus zu spüren, den Hector Sandoval mit den Kollegen entgegennahm. Statt sich in den Vordergrund zu spielen, war er Teil des Ganzen und mit dem Haus und den Menschen sichtlich glücklich.

Zunächst mochte der eine oder die andere noch abgewartet haben, wie sich der Abend entwickeln würde, manche hatten auch eine der Vorstellungen zuvor besucht und konnten vergleichen. Doch mit dem »Un dì all’azzurro spazio« (Die Blicke hätt‘ ich einst erhoben), der ersten Arie Cheniers, war die »Richtung« klar, hatte Hector Sandoval auch das Publikum auf seiner Seite. Das lag vor allem daran, daß er eben nicht nur ein »prächtiges Organ« hat, sondern mit Stimme und Körper eine unglaubliche Präsenz entwickelte – eine Spannung, die das Ensemble aufnahm und mitgestaltete.  Elias Gyungseok Han (ursprünglich als Pierre Fléville besetzt) ist wunderbar in die Rolle Gérards gewachsen, Susann Hagel (Maddalena) ließ sich offenbar »anfeuern« und steigerte sich stimmlich enorm bis zum Schlußduett, aber auch Kathrin Moschke  (Madelon) beeindruckte mit ihrem zwar kurzen, wirklich erschütternden Auftritt – auch das war ein Höhepunkt der Aufführung.

STIMMIGES GESAMTBILD

Judica Semlers Inszenierung schien am Anfang noch etwas plakativ, gewann aber zunehmend an Wirkkraft. Nicht zuletzt, weil durch eingeblendete Texte, Zitate des historischen Andrea Chenier, immer wieder der Bezug zur Geschichte, zur Realität – einer Realität? – hergestellt wurde.

Die Mittelsächsische Philharmonie war unter Raoul Grüneis‘ Leitung offenbar in Premierenstimmung, denn das Einverständnis zwischen Bühne und Graben ermöglichte so die große Leidenschaftlichkeit. Die vielen Bravorufe des ohnehin oft enthusiastischen Freiberger Publikums waren mehr als verdient!

27. November 2019, Inge Knothe / Wolfram Quellmalz

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