Auftritt des Teufelsgeigers

Dmitri Kitajenko und Sergej Krylov begeistern Philharmonie-Publikum

Dezember-Tschaikowski-Kitajenko – wenn auch nicht zur Weihnachtszeit wie im vergangenen Jahr, war der programmatische Zusammenhang am 1.-Advent-Wochenende wieder gegeben. Nur eines schien »verdreht«: die Reihenfolge. Denn Dirigent Dmitri Kitajenko hatte diesmal die Sinfonie an den Anfang und das Ballett ans Ende gesetzt, dazwischen – nach der Pause – das Konzert. Vielleicht, weil der »Tanz der Gaditanerinnen und Sieg des Spartakus« aus Aram Chatschaturjans »Spartakus« für einen feurigen Schluß sorgte, dabei bietet Peter Tschaikowskis »Manfred«-Sinfonie doch ebenso ein prächtiges con-fuoco– (»mit Feuer«) Finale.

Zwischen vierter und fünfter Sinfonie entstanden ist die »Manfred«-Komposition der gleichen Gattung zuzuordnen, dennoch haben die Sätze zudem den Charakter sinfonischer Dichtungen. In Düsternis beginnen die Bilder um die Manfred-Figur, deren Dichte Kitajenko nach dem von Violen und Fagott angestimmten Beginn weiter wachsen ließ – herrlich düster klangen die Violinen. Manfred erinnert sich seiner verlorenen Liebe Astarte, deren ihm vor Augen stehendes Bild jedoch einen inneren Aufruhr verursacht. Feenerscheinungen bringen keine Erlösung, Manfreds Weg führt in ein Bacchanal und – den Tod. Die inneren Verwerfungen hat Tschaikowski vom Erwachen bis zur Verzweiflung, vom Rausch bis zum Todeswunsch plastisch verfaßt, Dmitri Kitajenko formt sie mit kleinen, präzisen Gesten aus, ließ das Andante des ersten Satzes zum berührenden Sehnsuchtsbild wachsen. Angemessen schienen die Stufungen, Verwerfungen, wobei der Philharmonie auch in der üppigsten Bilderflut ein hohes Maß an Agilität blieb, manches geriet – wohl im Hinblick darauf, die Steigerung des Schlusses als Höhepunkt zu »halten« – etwas moderat und beschaulich. Wenn man sich die Geschichte Byrons ins Gedächtnis rief, mangelte es der Sehnsucht und Verzweiflung an Tiefe, der Liebe an Leidenschaft.

Letztere mußte Kitajenko erst mit Sergej Prokofjews zweitem Violinkonzert erwecken. Solist Sergej Krylov trug hier seines bei – und das war enorm! Mit herbem Charme, immer etwas »kantig« durchfocht er die Partitur, legte den fragilen Charakter offen, was besonders dem kantablen zweiten Satz guttat, und steigerte sich zu einem irrwitzigen Parcours des Finales. Gerade darin, seinen Part leicht kratzig und impulsiv auszuleben, zeigte sich Krylows Risikofreudigkeit. Dabei blieb er vollkommen unberührt von Mätzchen und Showeffekten – um so effektvoller war seine geniale Zugabe, die Caprice Quasi presto (a-Moll) von Niccolò Paganini mit Violin- (rechte Hand) und Gitarrenstimme (links).

Als nun drei Auszüge aus den Suiten zum Ballett »Spartakus« erklangen, hatte Dmitri Kitajenko das Orchester zu echter Leidenschaftlichkeit verführt. Verve und tänzerische Leichtigkeit gingen in »Aeginas Variation und Bacchanal« Hand in Hand, »Adagio des Spartakus und der Phrygia« verzauberte als schattiges Nocturne, dem bei aller Bedächtigkeit Spartakus‘ Kraft innewohnte, und der »Tanz der Gaditanerinnen« führte schließlich zum glanzvollen Sieg. Ein tolles Finale, doch »Manfred« hätte wohl davon profitiert, an gewohnter Stelle nach der Pause zu erklingen.

30. November 2019, Wolfram Quellmalz

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