Was machen Sie denn da?

Hochschule für Musik und MDR-Sinfonieorchester mit erstem Konzert einer neuen Reihe

Die Frage »Was machen Sie denn da?« läßt sich auf mindestens vier Arten betonen. Jede konnotiert sie anders, verrät aber so oder so die Neugier desjenigen, der fragt. Bezogen auf ein Konzert wird er wohl neugieriger sein als der, der »mal kucken will«, was es zu hören gibt. Diese Neugier kann die Hochschule für Musik ruhig noch weiter reizen, um noch mehr Besucher zu finden, als am Dienstagabend zum »Werkstattkonzert« gekommen waren. Vielleicht haben sich manche durch den Werkstattbegriff abschrecken lassen, weil er nach unfertigem, rohem, lautem klingt? »Komponierlabor« oder »Erster Versuch« träfe es vielleicht besser. »Roh« war hier gar nichts. Rektor Axel Köhler weiß dies zu schätzen und freute sich, daß den Studenten der Komponistenklassen seines Hauses eine Möglichkeit eingeräumt wurde, ihre Werke auf höchst professionelle Weise aufführen zu lassen.

Verantwortlich dafür sind die Initiatoren Dr. Karen Kopp, Managerin des MDR-Sinfonieorchesters, und Prof. Dr. Jörn Peter Hiekel. Der Studiendekan Komposition und Leiter des Instituts für Neue Musik war vor wenigen Tagen mit dem »Happy-New-Ears«-Preis 2019 ausgezeichnet worden, nun führte er kurzweilig durch ein inspirierendes Konzert. Vier Werke in eineinhalb Stunden, dazu kurze Gespräche – ein äußerst bekömmliches »Häppchen«, was sich Neugierige künftig gerne zutrauen sollten.

Die Rundfunkorchester der ARD seien die idealen Partner für derartige Projekte, freute sich Jörn Peter Hiekel, denn sie haben die Neue Musik nicht nur in ihrem Kulturauftrag stehen, sie beteiligen sich an den entsprechenden Musikfesten, bringen für die frischen Kompositionen also bereits Erfahrungen mit, aus einer Idee, einer Notation einen Klang entstehen zu lassen. Daß der MDR, dessen Signet (MDR Kultur) als Medienpartner Programmhefte und die Fassade des neuen Konzertsaales ziert, nun wieder einmal mit seinem Sinfonieorchester nach Dresden kam, war also höchst erfreulich.

Und wie klangen die Werke nun? Höchst individuell. Die Herkunftsländer der Komponisten – Taiwan, Südkorea, Japan und Deutschland – lassen sich nicht verallgemeinern, nicht einmal die drei asiatischen. Allen vier Kompositionen, die unter der Leitung von Prof. Ekkehard Klemm aufgeführt wurden, lag übrigens eine abstrakte Idee zugrunde. (Das gab es übrigens »früher« auch schon, noch vor den musikalischen Impressionisten sogar.)

Po-Wei Tseng nannte sein Werk »C-JP6Y4«, was der Kennung eines chinesischen Schriftzeichens entspricht und auf Mehrdeutigkeit und Kombination anspielt. Beides fand sich im Klang der Komposition wieder, die das Rascheln von Alufolie ebenso selbstverständlich verwendet wie Liegetöne von Streichern. Mit im Raum verteilten Instrumenten, die oftmals individuelle Töne hervorzubringen haben wie ein schnarrendes Fagott, ließ Tseng Strömungen entstehen und brechen.

Ji Hyun Ieaves Stück war durch ein Gedicht So-wol Kims angeregt worden, welches ein Bild der Azalee, das Symbol für »Inneres Gefühl« (Titel) enthält. Von einem Paukenschlag und großem Orchesterklang ausgehend verfeinert die Komponistin Partikel immer weiter, bis sie mikroskopisch werden. Statt klassischer Takte werden für den Zuhörer Zeitsegmente hörbar, welche Veränderung und Verfeinerung tragen.

»Tiere lachen, jammern und spielen«, der Titel einer Bildrolle aus dem 12. Jahrhundert, ist der Ausgangspunkt Kai Kobayashis gewesen. Deutlich hatte ihre Komposition den größten erzählerischen Impetus: Die Komponistin setzt das Orchester ein, um einen Fluß, eine Strömung zu erzeugen. Rhythmuswechsel sorgen immer wieder für eine neue »Richtung«, durch Solisten und übergeordnete Klangeffekte werden Bilder erzeugt.

Bemerkenswert war auch der Beitrag von Elias Jurgschat: die Anregung für »Besichtigung« hat er dem anatomischen Bereich, dem Sezieren entnommen – und konsequent umgesetzt. Denn seine Klänge reichen bis zum Klirren medizinischer Instrumente und dem Scheppern von Obduktionsschalen. Die Besichtigung bezieht sich auf einen umlaufenden Test der Instrumente im Orchester und deren gewohnter oder ungewohnter Klänge.

Das Komponieren sei ein Suchen, so ein Resumée des Abends, welches den Erfolg nicht garantiere. Für den »ersten Versuch« jedoch kann man wohl sagen: Operation geglückt, Musik lebt.

11. Dezember 2019, Wolfram Quellmalz

Das »Werkstattkonzert« soll im kommenden Jahr eine Fortsetzung finden. Schon zuvor kehrt das MDR-Sinfonieorchester im Rahmen des Dirigierwettbewerbes am 30. April in den Konzertsaal der Musikhochschule zurück.

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