Leuchtend bis feurig: Messiah

Collegium 1704 in der Dresdner Annenkirche

Zwar könnte man meinen, dreimal »Messiah« seit März 2016 sei zu viel, doch der Publikumszuspruch gestern sprach dem zumindest entgegen: volles Haus! Zuletzt hatte es Georg Friedrich Händels Klassiker mit dem Collegium 1704 im April 2018 gegeben. Zweimal also in der Passions- bzw. Osterzeit, nun im Advent – war das der Grund, daß der Weihnachtsteil diesmal besonders zu leuchten schien? Insgesamt war Václav Luks noch etwas flotter »unterwegs«, schien es. Nicht nur den Nachhall des »Hallelujah!« (die Chorpassage mußte selbstverständlich am Schluß noch einmal wiederholt werden) faßte er gestern knapper, auch sonst spielte das Collegium eine Spur feuriger als zuletzt. Trotzdem blieben Solisten und Chor jederzeit verständlich, die instrumentale Ausdeutung bravourös. Und Zeit gönnte Luks dem Werk dennoch, ließ eine Schlußzeile ausklingen, bevor die Instrumente erneut einsetzten.

Krystian Adam (Tenor) und Krešimir Stražanac (Baß) sind die Konstanten der letzten drei Aufführungen, Benno Schachtner war mit seinem betörend warmen Alt schon 2018 dabei. Nach Marie-Sophie Pollack und Giulia Semenzato (mit ihr und der Besetzung von 2018 gibt es auch eine CD-Einspielung) war mit Johanna Winkel eine »neue« Sopranistin dabei. Sie klang zu Beginn noch leicht scharf, doch im Laufe des Stückes wurde ihr Sopran geschmeidiger – spürbar besonders nach der Pastorale des ersten Teils mit gleich doppelten Rezitativen und Accompagnati sowie der abschließenden Arie (»Rejoyce greatly«). Auch dem Chor geriet einmal (»Glory to God in the highest«) die Übersteigerung etwas grell, doch abgesehen von dieser Ausnahme war gerade das Collegium Vocale 1704 für das Strahlen (Händels betontes »Wonderful!«) verantwortlich. Dieser Händel setzte Endorphine frei!

Die Freude daran war nicht nur dem Publikum, sondern manchem Musiker oder Sänger auch anzusehen – Hören und Mitwirken kommt wohl selten so nah wie mit den beiden Collegia in der Dresdner Annenkirche. Da stand keiner der Solisten zurück: Krešimir Stražanac – man erlebt ihn viel zu selten – beeindruckt schon durch seine »Daseinsform«, kann dies durch Gestaltung aber noch steigern. Sein Baß ist ein lust- und freudvoller, von geradezu körperlicher Präsenz. Hinter »whom ye delight in: behold« scheint noch ein Lachen, die Lebensfreude hervorzublitzen.

Benno Schachtners gestaltungsreiche Stimme war auch schon in anderen Werken zu hören (Händel, »Israel in Egypt« und »If woman could be fair« von William Byrd) und beeindruckte einmal mehr mit seiner Ausdruckspalette, die mit einem samtigstem Einsatz (»But who may abide the day«) begann und sogleich in die leuchtendsten Höhen führte – eine »Fallhöhe«, welche der Chor ebenso mehrfach offenbarte, denn Händel hat viele Stücke mit einem dramaturgischen Wandel oder Gegensätzen versehen, die über das normale Spannungsmaß hinaus schlicht mitreißend gerieten – »Since by man« enthielt die Stille der Passion ebenso wie das Licht oder vielmehr Leuchtfeuer der Auferstehung.

Krystian Adam, seit 2014 beim Collegium immer wieder mit Bach und Händel betraut, füllte viele der erzählenden oder verkündenden Passagen mit Eleganz aus und leitete markant zum »Hallelujah« über (»Thou shalt braek them«). Obwohl alle vier Solisten ein Höchstmaß an Individualität in der Stimme tragen, fanden sie in den Duetten (»He shall feed His flock«, Sopran / Alt und »O death, where is thy sting«, Alt / Tenor) zu einem wunderbaren Gleichklang.

Feuer und Farbe wurde wesentlich auch vom Orchester getragen und entfacht. Aus dem warmen Streicherteppich (Konzertmeisterin: Helena Zemanová) ragten nicht nur die blitzsauberen Clarinas (Hans-Martin Rux und Astrid Brachtendorf) oder das munter perlende Cembalo (Joan Boronat Sanz) heraus, es war instrumental und als purer Basso continuo erneut lebendiger Pulsgeber für Händels Musik.

Die Zugabe, der »Hallelujah!«-Chor, für die sich die Solisten in den Chor gesellt hatten, war sozusagen »unvermeidlich«.

13. Dezember 2019, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert des Collegium 1704: 1. Januar 2020, 19:30 Uhr, »Italienische Festlichkeiten«, Musik von Giuseppe Torelli, Alessandro Scarlatti, Francesco Geminiani und Baldassare Galuppi

Messiah
Im April bei
Accent erschienen: Georg Friedrich Händel »Messiah«, mit Giulia Semenzato (Sopran), Benno Schachtner (Alt), Krystian Adam (Tenor) und Krešimir Stražanac (Baß) sowie Collegium Vocale 1704, Collegium 1704, Vaclav Luks (Leitung)

Weitere Informationen unter: http://www.collegium1704.com

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