War’s das?

Hochschule für Kirchenmusik hinterfragt im Kantatenprojekt den Umgang mit der Weihnachtsbotschaft

Was passiert eigentlich, wenn die Weihnachtsdekoration weggeräumt ist, mit der Weihnachtsbotschaft? Das hinterfragte die Hochschule für Kirchenmusik am Sonnabend in der Loschwitzer Kirche mit höchst unterschiedlichen Werken und stellte einer zeitgenössischen Komposition und einer Uraufführung Werke von Georg Friedrich Händel, Johann Sebastian Bach und Wolfgang Amadé Mozart gegenüber. Die erzielte Kontrastwirkung war beachtlich, denn das Kreisen um einen Gedanken oder eine Geschichte erwies sich als anregend.

Den größten Denkanstoß gab es gleich zu Beginn mit Jan Arvid Prées »ewig ›in dulci jubilo‹«. Der Komponist hat hierfür das Gedicht »Von der Hochzeit zu Kana« (aus »Das Marien-Leben«) Rainer Maria Rilkes mit Chorälen und zugehörigen Bibelstellen ergänzt. Mit Trommeln und Trompeten rührten die von der Altistin Anna-Maria Tietze vorgetragenen Rilke-Texte auf, manches klang martialisch – am Ende des Programms kamen in Mozarts Te Deum Trommel und Trompeten – nun festlich – noch einmal zum Einsatz.

Mit der Geschichte um die Hochzeit fokussiert Prée unsere Wundergläubig- und ‑bedürftigkeit, dehnt sie, stellt sie in Frage und schreckt vor dissonanten Klängen nicht zurück. Als Hintergrund waren Choräle (»Wie schön leuchtet der Morgenstern« und »Gloria sei Dir gesungen«) geradezu eine Provokation. Ob man in ihnen ein einlullendes Versprechen, eine stabilisierende Basis oder einen »Gegenentwurf« findet? Den Gegensatz verschärften von Bass Vincent Hoppe vorgetragene Bibelzitate noch um vieles – kein kleiner Denkanstoß. Trotz Svenja Reis‘ umsichtigem Dirigat war es aber schwierig, dem Text zu folgen, zumindest wenn man die Choräle nicht kannte oder sie mitlas. Die Möglichkeit, ein Uraufführungswerk am Ende des Programms zur Vertiefung noch einmal zu wiederholen, hätte man nutzen sollen.

Nur um Provokation ging es hier aber nicht. Vielmehr stand das diesjährige Kantatenprojekt unter dem Motto »einander«. Und das mit ganz praktischen Auswirkungen, denn neben einem jungen Instrumentalensemble waren die Studenten der HSKM als Dirigenten und Organisten zu erleben. Je nach Aufgabe wechselten sie zwischen Pult und Chor.

Mit Händels Laudate pueri (HWV 237, Dirigent Marc Holze) und Bachs »Schau, lieber Gott, wie meine Feind« (BWV 153) standen sich festliche Freude und Hoffnung gegenüber. Dabei bot Bachs ungewöhnliche Kantate – sie enthält fünf Choralstrophen statt nur einer – dem Chor viel Mitwirkungsmöglichkeit, wobei Dirigent Goetz Bienert die Zeilenhaftigkeit der Choräle etwas stark betonte, was den Fluß gebremst hat. Die Hoffnung hatte auch Johannes Weyrauch in seiner »Kantate von der Liebe« (Dirigentin: Emma Witke) aufgegriffen. Den Text »Wenn ich mit Menschen und mit Engelszungen redete« (1. Korinther 13) um Glaube, Liebe, Hoffnung spielt hier – dreimal wiederholt, eine zentrale Rolle.

Das (mit)einander ist in diesem Jahrgang des Kantatenprojektes besonders gelungen. Die Aufführungen gelangen lichtvoll und spannend bis zu Wolfgang Amadé Mozarts Te Deum (Dirigentin: Charlotte Kress). Unter den Solisten hatten sich auch Florian Neubauer (Tenor) und Anne Stadler (Sopran) als lichtvolle Verkünder erwiesen, so daß sich in der vollbesetzten Kirche festliche wie nachdenkliche Stimmung die Waage hielt – ein willkommener Denkanstoß zur Vesperzeit.

19. Januar 2020, Wolfram Quellmalz

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