Johann Theiles Matthäuspassion

Dresdner Hofmusik in der Loschwitzer Kirche

Der Höhepunkt der Passionszeit mit seinen Vespern und Konzertaufführungen steht uns noch bevor, doch haben die Kirchgemeinden und Veranstalter längst damit begonnen, die Passionen und Oratorien von Bach und anderen Komponisten zu spielen, so auch am Sonnabend zur Vesperstunde in Loschwitz.

Während die Matthäus- und Johannespassion von Johann Sebastian Bach unbestritten die wichtigsten Gattungsbeiträge und Aufführungsmomente bleiben, gibt es immer wieder andere, neue oder wiedererschlossene Werke. Neben Bachs Markuspassion oder mancher modernen Neufassung des Stoffes stellen vergessene Werke unbekannter oder zumindest wenig geläufiger Tonsetzer wichtige Programmalternativen dar.

Johann Theile (1646 bis 1724) ist noch ein Schüler Heinrich Schütz‘ gewesen. Später war er am Wolfenbütteler Hof Kapellmeister, seine »Matthäuspassion« erschien 1673 in Lübeck. Sie ist ein höchst ungewöhnliches Werk, teilweise betörend schön und malt die dramatischen Stellen (der Schwerthieb eines der Jünger oder die Volksmenge, welche Barrnabam [Barnabas] freigeben möchte) weit weniger aus als später Johann Sebastian Bach. Wer um die Entstehung oder den Komponisten nicht weiß, würde das Werk vielleicht in der Generation der Bachsöhne und der »Empfindsamkeit« vermuten.

Johann Theile verweilte musikalisch wenig (anders als Bach mit seiner ausgeprägten Folge von Rezitativen, Arien, Chorpassagen und Chorälen), so daß das Werk auch noch kurzweilig gerät – mitnichten ein Attribut, welches man im Zusammenhang mit einer Passion erwartet.

Doch es lohnt(e), gerade diesem vermeintlich »leichtfüßigen« Werk nachzulauschen, denn es war eine Bereicherung. Und mit dem Ensemble Ælbgut und der Cappella Sagittariana Dresden waren solche Experten dabei, die nicht nur bestimmte Werke exzellent beherrschen, sondern sich auch in ein anderes Repertoire vorwagen und es zu erfühlen vermögen. Die wichtigsten Rollen übernahmen Florian Sievers (Tenor), der einen lyrischen, fast romantischen Evangelisten abgab, sowie Martin Schicketanz (Baß) in der Rolle Jesus‘. Außerdem gehörten die Sopranistinnen Isabell Schicketanz und Friederike Beykirch, Stefan Kunath (Altus) sowie Alexander Bischoff (Tenor) zum musikalischen Aufgebot.

Während der Evangelist und Jesus bestimmend über weite Strecken trugen, gab es in den auf weniges reduzierten anderen Figuren manche Überraschung in der Besetzung. So wird Uxor Pilati (Isabell Schicketanz), die Frau Pilatus‘, oft ausgespart. Judas wiederum kennt man im allgemeinen als Baß – hier war er mit einem Alt besetzt.

Der Vortrag insgesamt war von einem stetigen Fluß gekennzeichnet, wodurch kleine Zäsuren in der Evangelistenerzählung, etwa vor dem Urteilsspruch der Kreuzigung, besonders als Betonung wahrgenommen wurden. Die Rolle eines Chores (Chorus / Choräle) gibt es bei Theile nicht, dafür aber eingeschobene Soloarien, welche kontemplative Wirkung haben.

Gerade der Einsatz von Gamben (Katharina Holzhey, Diethard Krause) sorgte für eine geschmeidige, zurückhaltende Musik, während die Violinen (Margret Baumgartl, Lothare Haas) mit ihrer Strahlkraft als Betonung und Untermalung vortreffliche Höhepunkte herausarbeiteten. Mit Stefan Maass (Laute) und Sebastian Knebel (Leitung und Orgel) war auch der Baß wohltönend besetzt.

Mit Schönheit und Empfindsamkeit strebte die Matthäuspassion ihrem Höhepunkt zu – das Versprechen der Auferstehung ist die zentrale Aussage in Theiles Werk.

9. März 2020, Wolfram Quellmalz

Das Konzert war gleichzeitig ein Auftakt, denn die Dresdner Hofmusik e. V. wird künftig viermal im Jahr in Loschwitz zu erleben sein. Nächste Konzerte:

Das amerikanische Alte-Musik-Ensemble La Tempesta di Mare (Philadelphia) kommt am 20. März, 19:30 Uhr in die Dreikönigskirche, am 27. Juni, 21:00 Uhr, heißt es dann in der Loschwitzer Kirche »Klänge zur Nacht: Chaconne«. Weitere Informationen unter: http://www.dresdner-hofmusik.de/

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