Schönbergs romantisch(st)e Saite

»Gurre-Lieder« mit der Sächsischen Staatskapelle

Als Arnold Schönberg seine »Gurre-Lieder« schrieb, stand er an der Schwelle eines Umbruches: 1900 hatte er mit der Erstfassung begonnen, 1911 waren sie abgeschlossen. In der gleichen Zeit hatte der Komponist außerdem das entwickelt, womit sein Name heute untrennbar verbunden ist: die Zwölftontechnik. Wer bei Schönberg nur an Atonalität denkt, tut ihm aber so oder so Unrecht, doch gibt es mehr als zwei »Versionen« des Komponisten, weshalb man die hoch romantischen Gurre-Lieder auch nicht als ein Frühwerk bezeichnen kann, selbst wenn sie vor der seriellen Musik entstanden sind.

Eigentlich ist das ganze Werk unfaßbar. Eine sinfonische Dichtung mit Chor und Solisten, ein Oratorium? Selbst der Text von Jens Peter Jacobsen ist nur schwer zu deuten. »Lieder« trifft es irgendwie am besten.

»Getroffen« hatten es auch die Sächsische Staatskapelle und ihr Chefdirigent Christian Thielemann. Oder gedeutet. Denn gerade das, was sich der klaren, rationalen Analyse entzieht, der zuweilen märchenhafte Text, entwickelt mit Schönbergs mahlerischer (!) Musik Sinnlichkeit, Tiefe, Weite, Farbe. Das liebliche Idyll eines erwachenden Tages auf einer Waldlichtung ließ sich Thielemann förmlich auf der Zunge zergehen …

Freilich könnte man dozieren, wieviel andere Komponisten, Wagner etwa, da noch zu hören wäre, weil sie Schönberg doch vorausgegangen waren. Nach dem Konzert zumindest lag dies nahe, denn während desselben galt nur eines – die Kunst, die Musik, ein kolossales Werk auf großer Leinwand. Prächtig, wie sich die Staatskapelle gebärdete, wie ihr – in Maximalbesetzung – noch feinste Nuancierungen gelangen. Allein die Blechbläser in Besetzungen zu zwölf Hörnern, sechs Trompeten und acht Posaunen hätten alles andere erwarten lassen können. Christian Thielemann legt auf ein Pianissimo wert, das reich im Klang ist, nur eines darf das Orchester nicht werden: laut. Das Schlagwerk stand dem nicht nach – ein gedämpfter Glockenschlag kann durchdringen, ohne das Ohr zu schmerzen. Das überzeugte schon instrumental, also noch bevor die Frage, ob die Sänger denn zu hören seien, erörtert worden wäre.

Als Solisten hatten sich Stephen Gould (Waldemar), Camilla Nylund (Tove), Christa Mayer (Waldtaube), Markus Marquardt (als Bauer für den erkrankten Kwangchul Youn) sowie Wolfgang Albinger-Sperrhacke versammelt, außerdem trat Franz Grundheber, eigentlich Bariton, als Sprecher auf. Leider hatte man ihn aber hinter den Dirigenten gesetzt, so daß er akustisch verdeckt und auf Mikrophon und Lautsprecher angewiesen blieb. Charmant mit leichtem Dialekt vortragen konnte er dennoch.

Stephen Gould und Camilla Nylund hatten ihre Stimmen in Wagnerfassung mitgebracht. Vermutlich klingen sie am Montagabend noch besser als am Sonntagvormittag, denn manches (kleines) war mit viel Verve technisch aufgesetzt und noch nicht perfekt ausbalanciert. Nicht viel, aber man merkte es doch, spätestens mit dem Monolog der Waldtaube, den Neukammersängerin Christa Mayer umwerfend gestaltete! Klage und Trauer verband sie geradezu paradiesisch. Die Klage klang wie ein romantischer Evangelist …

Wolfgang Albinger-Sperrhacke konnte dem als Klaus-Narr noch etwas hinzufügen, eine gewitzte Beckmesser- oder Rosenkavaliererei, charmant, launig – einfach herrlich (und dabei mit glasklarer Diktion)!

Mit dem Chor der Sächsischen Staatsoper (Einstudierung: Jan Hoffmann) und dem MDR Rundfunkchor (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen) konnten sowohl die Männer Waldemars als auch die Schlußszene reich ausgestaltet werden.

9. März 2020, Wolfram Quellmalz

Heute und morgen (20:00 Uhr, Semperoper Dresden) noch einmal: Sächsische Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann (musikalische Leitung), Solisten, Arnold Schönberg »Gurre-Lieder«

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