Zeitgenössische Quartette

Kairos Quartett eröffnet Ausstellung im Kunstraum Pillnitz

Es war wohl eine der vorerst letzten kulturellen Veranstaltungen in der Umgebung: am Sonnabend eröffnete die Ausstellung der Künstlergruppe »KingKonkret« (Knut Müller, Dirk Richter, Ingrid Sperrle, Frank Tangermann, Susanne Werdin und Gerhard Wichler) in der Galerie Kunstraum Pillnitz. Und obwohl die für Sonntag und Montag geplanten Auftritte des beteiligten Streichquartetts (Kairos Quartett) in Chemnitz und Leipzig abgesagt werden mußten, kam keine »Endzeitstimmung« auf, denn Werke und Musik waren ganz im Jetzt und Hier verankert und überzeugten durch lebendige Impulse gedanklicher und emotionaler Art – was überwog, konnte jeder individuell erfahren. Geist und Seele bedürfen der Pflege, hatte Galerieleiter Bernward Gruner in seiner Eröffnung gesagt – seine Ausstellung trägt sicherlich dazu bei.

Bildende Kunst und Musik haben viele Berührungspunkte, regen einander an oder haben gemeinsame Vorlagen literarischer oder mathematischer Natur. Das trifft allgemein sicherlich immer zu, kann aber, wenn man zu viel an einem Abend präsentiert, überfordern. Hier jedoch gelang die Übereinkunft der Künste sehr stimmig und wurde durch Knut Müller gar doppelt ausgestattet: als Maler und Graphiker einer der ausstellenden Künstler, trug Müller mit dem Streichquartett »Thorn« (nach einer Erzählung Lars Gustafssons) noch zum Konzert bei.

Insgesamt sechs ganz unterschiedliche Quartette durchloteten Wolfgang Bender und Stefan Häussler (alternierende Violinen), Simone Heilgendorff (Viola) und Claudius von Wrochem (Violoncello). Einen gemeinsamen Nenner fanden sie wohl in strukturellen Betrachtungen, der Zerlegung eines Ganzen in seine elementaren Bestandteile und das neu Zusammenfügen (was man in manchen der Bilder wiederfand). Thomas Leppuhrs Quartett »Choralbearbeitung« nimmt »Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen« von Johann Crüger auf, spaltet ihn quasi und fügt daraus vollkommen neue, äußert spannende Sätze, womit er unterschiedliche Hervorhebungen schafft, als würde man den Choraltitel unterschiedlich betonen.

Die »Strukturarbeit« blieb bei Thomas Buchholz‘ »Krunk« und Gabriel Iranyi komplexem Streichquartett Nr. 5 bestimmend. Oder bei Christian FP Krams »dualistisch«, das mit klaren Kontrasten und hell-dunkel-Effekten aufwartete.

Für Kontrast sorgte auch Morton Feldmans »Structures«. Es war, 1951 geschrieben, das älteste der Werke (vier der aufgeführten Quartette waren nach 2000 entstanden), bewies aber erneut, weshalb es ein so legendäres Stück ist. Mit der Vereinzelung bis auf Grundtöne beginnend ließ Feldmann neue Strukturen wachsen, die aus minimalem Material geradezu bildhafte Szenen schufen. Berückend war die Spannung, welche das Kairos Quartett in sämtlichen Stücken und zwei Stunden Dauer hielt.

Es schloß mit einem weiteren Klassiker. Knut Müllers »Thorn« stammt aus dem Gründungsjahr des Quartetts. Wiederkehr und Verarbeitung wurden hier durch Veränderungen, Glissandi und immer neue Impulse belebt. Während viele Ensemble eine Aufstellung mit Viola innen und Cello außen (oder umgekehrt) bevorzugen, blieb das Kairos Quartett auch hier flexibel und setzte für das letzte Stück erste und zweite Violine wie in der deutschen Orchesteraufstellung nach außen.

15. März 2020, Wolfram Quellmalz

Der Kunstraum Pillnitz bleibt aktuell zugänglich. Es gelten die Öffnungszeiten an jedem Sonnabend zwischen 10:00 und 13:00 Uhr sowie nach Vereinbarung. Weitere Informationen sowie Kontaktdaten finden Sie unter: kunstraum-pillnitz.de/

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