Von wegen Hausarrest …

Xavier de Maistre »Die Reise um mein Zimmer«

Nein, nicht der berühmte gleichnamige Harfenist hat dieses Buch geschrieben, sondern Xavier de Maistre (1763 bis 1852), Offizier, Maler und Schriftsteller. Nach einem Duell wurde de Maistre 42 Tage lang arretiert und durfte sein Haus nicht verlassen. In dieser Zeit verfaßte er ein kleines Buch, in dem er den Reisebeschreibungen seiner Zeit (einer damals blühenden Gattung) jene einer Gedankenreise entgegensetzt. Entlang der Zimmerfluchten, der Möbel und Bilder hält sich de Maistre bei diesem und jenem auf, beschreibt Aus- und Einblicke, verknüpft die Objekte mit Gedanken, Reflexionen, Erinnerungen an zu Personen oder Ereignissen, schweift ab. Auf seiner Reise beweist er Geist, Witz und (Selbst-)Ironie. Einer Madame de Hautcastel gelten seine Gedanken ebensooft wie seinem Diener Joanetti. Immer wiederkehrend treten auch »Die Seele« und »Das Tier« des Autors in einen Dialog.

Leseprobe:

Geht man von meinem Lehnstuhl weiter nordwärts, entdeckt man im Hintergrund meines Zimmers mein Bett, das den freundlichsten Ausblick bildet. Es steht äußerst günstig: Die ersten Strahlen der Sonne treiben ihr Spiel auf meinen Vorhängen. – An schönen Sommertagen sehe ich sie in dem Maße, wie die Sonne steigt, die weiße Wand entlang vorrücken: Die Ulmen vor meinem Fenster brechen sie auf tausenderlei Art und lassen sie auf meinem Bett schaukeln, dessen Rosenrot und Weiß durch ihren Widerschein nach allen Seiten eine bezaubernde Färbung verbreiten. – Ich höre das kunterbunte Gezwitscher der Schwalben, die das Dach des Hauses beschlagnahmt haben, und der anderen Vögel, die in den Ulmen nisten: Dann kommen mir unzählige heitere Gedanken in den Sinn; und im ganzen Universum hat niemand ein so angenehmes, so friedliches Erwachen wie ich.

Zunächst 1795 anonym in Lausanne erschienen, fand das Buch zahlreiche Liebhaber und löste weitere »Zimmer-« und ähnliche Reisen anderer Schriftsteller aus. Vor allem im Frankreich des beginnenden 19. Jahrhunderts fand das neue Genre zahlreiche Anhänger. Xavier de Maistre reiste später noch ein weiteres Mal. Mit einem Abstand von dreißig Jahren begab er sich 1825 in Turin auf eine »Nächtliche Entdeckungsreise um mein Zimmer«. Sie zeigt den Autor als gereiften Mann, bei dem der Rückblick zwar an Bedeutung gewonnen hat, jedoch nicht im Übermaß. Auch mit 62 Jahren war er für das Leben, die Frauen und (gedankliche) Narrheiten offen.

Wenn Sie noch mehr über Menschen im Hausarrest lesen wollen, dann empfehlen wir Ihnen Amor Towles Roman »Ein Gentlemen in Moskau«. Eine ausführliche Buchbesprechung finden Sie in unserem Heft 28 auf Seite 4 (zur pdf-Ausgabe gelangen Sie über den Register »Hefte zum Herunterladen«).

Wenn Sie nicht lesen mögen, ist der andere Xavier de Maistre vielleicht der richtige für Sie. Unter seinen Aufnahmen findet sich zwischen Mozart und Smetana mancher musikalische Leckerbissen.

Xavier de Maistre »Die Reise um mein Zimmer« (Original: »Voyage Autour de ma Chambre«, 1795 und »Expédition Nocturne Autour de ma Chambre«, 1825), zwei Romane, aus dem Französischen von Eva Mayer, Aufbau-Verlag, fester Einband, 178 Seiten, im modernen Antiquariat (zu erreichen direkt oder via zvab.com), Bernd Stiegler schrieb 2016 mit »Reisender Stillstand, Eine kleine Geschichte des Reisens im und um das Zimmer herum« (Fischer) über den Stoff.

26. März 2020, Wolfram Quellmalz

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