Pretiosen und Trouvaillen

Neue CD bei Passacaille

Nicht nur die großen Meister, auch die (vermeintlich) kleinen sollte man ehren und sie nicht als »Kleinmeister« abtun. Wie oft haben Virtuosen wunderbare Stücke geschrieben, und sei es nur für ihr eigenes Instrument! Johann Nepomuk Hummel, Frédéric Chopin oder Niccolò Paganini sind bekannte Beispiele dafür – Auguste Tolbecque (1830 bis 1919) können Sie nun entdecken.

Der Cellist (Professur am Conservatoire de Marseilles), Komponist und Instrumentenbauer setzte sich nicht nur mit dem Violoncello auseinander, er baute selbst Instrumente, restaurierte und rekonstruierte alte. Seine Schwiegereltern unterhielten in Niort eine Geigenbauerwerkstatt, in der Tolbecque zeitweise arbeitete. Als Musiker war Auguste Tolbecques übrigens kein unbedeutender. Immerhin spielte er Camille Saint-Saens erstes Cellokonzert in der Uraufführung.

Tolbecques Kompositionen sind unterhaltsame Salonstücke für unterschiedliche Besetzungen, die Virtuosität und Charme gleichermaßen innehaben und oft vom Gestus tanzbarer Musik getragen werden. Christophe Coin (Violoncello und Viola da gamba), Jean-Luc Ayroles und Caroline Esposito (Klavier) sowie Jan Willem Jansen (Orgel) haben nun einen Teil seines Œuvres auf CD eingespielt (erschienen bei Passacaille). Es zeigt sich: nicht nur dem Tanz im Salon, auch dem Lied stand der Komponist nahe. So klingen manche der Stücke, als seien sie von den Liedern Robert Schumanns oder den Intermezzi Johannes Brahms‘ inspiriert – was keine Minderung darstellt, denn Tolbecque verfügte über einen Erfindungsreichtum, der ihn eines Vorwurfes wie Eklektizismus oder Nachahmung enthebt.

Charmant, überaus charmant, könnte man die Stücke zusammenfassen und einen Salon mit Blumen und geöffneten Fenstern imaginieren, durch welche Sonnenschein eindringt. Bemerkenswert ist, daß schon die Musik allein solch bildhafte Eindrücke auszulösen vermag. Ein Blick ins Beiheft zeigt: viele Stücke tragen entsprechende Namen: »Barcarolle«, »Musette pastorale« oder »Après la Valse«. Und bei »Konzertstucke« handelt es sich nicht um ein Erratum, sondern (wohl) um einen (charmanten) Gallizismus.

Coin, Ayroles und Jansen spielen auf historischen Instrumenten, unter denen der Érard-Flügel von 1877 beinahe gewöhnlich wirkt. Denn mit dem Violoncello »experimentale« und der Viola da Gamba nach einem deutschen Modell des 18. Jahrhunderts, beides Nachbauten von Auguste Tolbecque, sind zwei ganz außergewöhnliche Objekte darunter. Das Cello verfügt statt der üblichen f-Löcher in der Decke (welche der Optik wegen aufgemalt sind) über seitliche Schalllöcher in der Zarge, die sechssaitige Viola hat statt des einfach taillierten Korpus gleich drei Ausbauchungen. Zum Instrumentarium gehört aber auch eine Orgel Auguste Tolbecques.

Die Auswahl der Hommage erweist sich als kurzweilig, denn neben Stücken für Violoncello (bzw. Viola) und Klavier enthält sie auch Solowerke, Kompositionen für Klavier zu vier Händen sowie Stücke mit Orgelbegleitung. Neben heiteren Ausflügen gibt es auch ein Gebet (»Prière«), ein wunderbar ruhiges Andantino religioso für Violoncello und Orgel. Dabei kommt übrigens die Tolbecque-Orgel zum Einsatz, welche vor zwei Jahren aus dem Institut La Persagotière (Nantes) in die Kirche Saint-Léger (Gemeinde Orvault) umgesetzt wurde. Der zweiten Orgel (Chororgel von Théodore Puget, Basilika Notre-Dame de La Daurade, Toulouse) entlockt Jan Willem Jansen das eine oder andere Mal den herben Charme eines Akkordeons, wie in der »Rêverie«. Das »experimentelle« Cello hat einen warmen Klang, kann auch etwas kratzig klingen – wunderbar für den »Danse cosaque«, der aus einer Solosuite stammen könnte.

27. März 2020, Wolfram Quellmalz

Christophe Coin (Violoncello und Viola da gamba), Jean-Luc Ayroles und Caroline Esposito (Klavier), Jan Willem Jansen (Orgel) »Hommage à Auguste Tolbecque«, Passacaille, im Vertrieb bei Note 1

 

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