Prudente e sereno (Vorsichtig und heiter)

Live-Streaming-Konzert von Matthias Lorenz

Es war eine vollkommen neue Erfahrung – ein Live-Streaming-Konzert. Dennoch verfolgten wir Matthias Lorenz‘ Auftritt nicht nur, weil es gerade nichts anderes gab, sondern mit Interesse und Neugierde. Bei seinem letzten Konzert zum 65. Geburtstag von Friedemann Schmidt-Mechau hatte der Cellist im Projekttheater Dresden das Stück »Ent-Gegnung« uraufgeführt. Werke, bei deren Uraufführung man dabeigewesen ist, wiederzuhören, ist immer spannend, insofern versprach die Neuaufführung nach gut fünf Wochen eine interessante Erfahrung, aber nicht nur diese allein.

Natürlich kann ein Streaming-Konzert via YouTube eine richtige Aufführung nicht ersetzen, dennoch enthielt der Live-Moment mehr Spannung, als es wohl ein Video hätte bieten können. Zunächst konnte man auch feststellen, daß die Anzahl der Personen in einem normalen Konzert von den YouTube-Teilnehmern übertroffen wurde. Denn: wenn schon Internet, dann überall. Insofern konnte sich Matthias Lorenz über Zuhörer aus Görlitz, Paris, London und Prag freuen sowie darüber, daß alle drei Komponisten, von denen Stücke gespielt wurden, den Abend ebenfalls via Internet verfolgten. Viele Zuhörer nahmen am Chat teil, der zunächst parallel lief und im Anschluß sehr lebendig für eine Nachbesprechung genutzt wurde. Wenn man die Anzahl der Zuschauer als Gradmesser für Aufmerksamkeit nimmt, war erfreulich, daß diese während der Darbietung nur wenig sank, was für Musik, Qualität und Spannung spricht. Und auch nach Abschluß verblieb eine Gemeinde (etwa die Hälfte der Konzertzuhörer) für den internationalen Austausch beieinander.

Sichtlich zufrieden waren alle drei Komponisten (die sich alle meldeten) mit der Darbietung ihrer Werke. Von Gilberto Agostinho hatten gleich zwei Stücke auf dem Programm gestanden: dem mit Hilfe von Algorithmen geschriebenem »Jamais Vu«, von dem es viele Fassungen gibt (Matthias Lorenz spielte Version »D« von 2017) folgte später das ruhige »and thereafter they shape us«. In seiner Verlangsamung macht es – auch via Internet – einen Tonraum in seiner Ausdehnung erfahrbar, vor allem, als er aus der Beruhigung eine scheinbare Erweiterung erfuhr.

Interessant war die Wiederbegegnung, denn nun offenbarten sich manche »Ent-Gegnung« zwischen den beiden Stimmen – der Cellist streicht nicht nur über Saiten, er singt dazu, teils einen Text, teils Vokalisen. Gerade die Texte machen das Stück, das seine strukturelle Kraft aus der Folge von Blöcken zieht, leicht.

Einen strukturellen Wandel hatte auch Petr Bakla »Something with something else III« in sich. Das Stück ist geprägt von dynamischen Brechungen, großen Lautstärkeunterschieden in einem an sich fließenden Thema oder motivischen Zusammenhang (als spiele jemand mit dem Lautstärkeregler oder einer »Tonabdeckung«). Zunehmend wurden diese Kontraste geringer, fanden Tremoli und Tonfolge zu einem Zentrum.

Für das Konzert hatte Matthias Lorenz um ein Eintrittsgeld gebeten, das im Internet entrichtet werden konnte. Die Hälfte der Einnahmen wird er dem Azienda Ospedaliero-Universitaria Careggi (Universitätsklinikum Florenz) für dessen Kampf um Covid-19-Patienten spenden. Direkt im Anschluß konnte Matthias Lorenz eine positive Bilanz der Aktion ziehen. (Mehr dazu demnächst auf seiner Seite: www.matlorenz.de) Die Rückmeldung auf den künstlerischen war ebenfalls zufriedenstellend ausgefallen: »Danke für die Möglichkeit, dich spielen zu hören und zu sehen! Ich habe es auf dem Balkon mit Wein genossen – welch Luxus!« schrieb eine Teilnehmerin im Chat.

11. April 2020, Wolfram Quellmalz

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