»Nacht der Passion« in der Kreuzkirche

Neue Formate statt Ausfall

Musik wie die Passionen zur Osterzeit gehören zu den seit langem gepflegten Traditionen der Dresdner Kreuzkirche, über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gewachsen, wie die seit 1371 gefeierten Kreuzvespern. Doch wichtiger ist wohl, woran jeder in seiner Lebenszeit teilnehmen kann. In diesem Jahr ist diese Teilnahme nicht möglich, zumindest nicht wie gewohnt. Die Kreuzkirche hat nach der Absage sämtlicher Konzerte, Andachten und Gottesdienste jedoch schnell reagiert und bietet Übertragungen via Dresden Fernsehen oder über den eigenen YouTube-Kanal (auch zum nachträglichen Ansehen) an.

So mußte die »Nacht der Passion« am Gründonnerstag um 21:00 Uhr nicht ausfallen, Umfang und Format änderten sich jedoch: das Programm wurde auf etwa eine halbe Stunde verkürzt, natürlich waren keine Besucher in der Kirche, und auch die musikalische Gestaltung wurde auf nur wenige Beteiligte übertragen.

Marcus Steven bettete mit dem Antiphon zum Fest der Kreuzauffindung und dem Responsorium aus der Matutin zum Karfreitag die »Passionsnacht« solistisch in einen Gregorianischen Rahmen. Für besinnliche Stimmung sorgten Ausschnitte aus dem ursprünglichen Programm: Jennifer Riedel und Birte Kulawik (beide Sopran) übernahmen die Solostimmen, während Kulawik, Marlen Herzog (Alt), Sebastian Reim (Tenor) und Marcus Steven (Baß) auf der Chorempore unter der Orgel als Ensemble auftraten. Dabei konnten gerade Jean Langlais‘ Agnus Die aus der Missa in simplicitate Opus 75 für Sopran (Riedel) und Orgel sowie »Bleibet hier« (Kulawik), einer von mehreren Gesängen aus Taizé, Besinnung vermitteln, César Francks »Panis Angelicus« aus der Messe solennelle Opus (Riedel) fügte dem hoffnungsvolle Lichtschimmer bei.

Natürlich ist man an einem Bildschirm nicht annähernd so beteiligt wie in der Kirche inmitten der Gemeinde. Und daß man den Ritus, das symbolische Abräumen des festlich geschmückten Altars, verfolgen kann oder dem zum Altar gewendeten Liturgen per Kamera näherkommt, ersetzt dies nicht – ein Umstand, den Superintendent Christian Behr in seinen Worten neben den Lesungen aus dem Markusevangelium (Abendmahl und Jesus in Gethsemane) berücksichtigte, indem er die Gemeinde zu Hause in das »kleine Miteinander« in der Kreuzkirche mit einbezog. Zur Zeit ist dieses Miteinander, gerade ein spirituelles Miteinander, schwer zu erreichen. Mit der »Nacht der Passion« wollte die Kreuzkirche aber auch ein Zeichen für vorsichtige Hoffnung und Ermutigung setzen. Den Wunsch, miteinander verbunden zu bleiben, schloß Behr in seinen Segen ein.

Eigentlich hatte Carl Heinrich Grauns Passionskantate »Der Tod Jesu« in diesem Konzert erklingen sollen. Es blieb schließlich die Einleitung (von Adolph Friedrich Hesse), welche Kreuzorganist Holger Gehring an der großen Orgel mächtig aufklingen ließ. Allmählich erhob sich das Werk, verlor den drückenden Charakter und schien sich (passend vor Francks »Panis Angelicus«) zum Licht zu wenden. Kleiner Vorteil der Fernseh- und YouTube-Zuschauer: im Bild konnte man beobachten, wie die Register vorprogrammiert nach und nach umschalteten (auf die Unterstützung von Registranden mußte Holger Gehring natürlich verzichten).

13. April 2020, Wolfram Quellmalz

Vom Osterwochenende sind weitere Videos (Musik zur Sterbestunde Jesu, Vesper, Festgottesdienst) unter: https://www.youtube.com/kreuzkirchedresden

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