Keiner schlafe …

Music Never Sleeps DMF lädt zu einem 24-Stunden-Livestream-Festival

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Mit dem Glashütte Original MusikFestspielPreis ausgezeichnet: Barbara Hannigan, Bildquelle: DMF

nessun dorma singt Kalaf in der Oper Turandot. Nessun dorma hieß es für manche auch am Wochenende. Zumindest für Jan Vogler, den Intendanten der Dresdner Musikfestspiele, die vom 12. Mai bis 12. Juni stattfinden sollten. Nach der Absage ist der Veranstalter nicht nur mit der »Rückorganisation« beschäftigt – mit etwas Glück und bei entsprechenden Umständen / Voraussetzungen können wir einen Teil der Künstler und ihres Programms vielleicht noch vor den DMF 2021 erleben.

Ein erstes Lebenszeichen gab es nun von 18:00 Uhr am Sonnabend bis 18:00 Uhr am Sonntag. Nach Music Never Sleeps NYC im März hieß es nun Music Never Sleeps DMF. Dem Veranstalter war es gelungen, dafür einen großen Teil jener Musiker zu gewinnen, die für einen Auftritt in Dresden vorgesehen waren. Sie und noch weitere Künstler meldeten sich von zu Hause oder aus ihren Proberäumen, spielten live oder hatten ein Video vorbereitet.

So wie die King’s Singers. Sie konnten sich, wie viele Ensembles, nur virtuell zusammenschließen. Ihr Video war so professionell wie die Auftritte der sechs. Andere, wie der Dresdner Kammerchor, konnten im Vorfeld eine Zusammenkunft organisieren und einen Beitrag exklusiv aufnehmen, der am Wochenende ausgestrahlt wurde.

Doch viele der Musikerinnen und Musiker waren direkt vor der Kamera, so wie Bryn Terfel mit seiner Frau, der Harfenistin Hannah Stone, aus dem heimischen Wohnzimmer Shantys mit Schubert verband – herrlich! Während er vor einem Seestück an der getafelten Wand sang (die Harfe ragte neben ihm majestätisch in die Höhe), zeigte sich bei Renaud Capuçon, daß der Violinist noch mehr CDs in seiner Sammlung hat als mancher Rezensent …

Die DMF sind ein Fest der klassischen Musik, öffnen sich aber immer wieder auch der Weltmusik und dem Jazz. Gerade aus dem genreübergreifenden Bereich gab es viele Beiträge im Rahmen des Streaming, die sich virtuell natürlich gut darstellen lassen und ihr Publikum finden, während sich normale Konzertabende nicht ersetzen lassen. In bezug auf die Anteile gab der Marathon insofern ein verzerrtes Bild wieder. Das paßte für das Internetpublikum – für jene, die gerne die Beethoven-Quartette oder großen Sinfoniekonzerte erlebt hätten, hieß es da manches Mal abwarten, wie bei Kimmo Pohjonen, der mit elektronischem Akkordeon für gänzlich andere Töne sorgte.

Trotz des Ausfalles lobten die DMF auch 2020 den Glashütte Original MusikFestspielPreis für Künstler aus, die sich um die Vermittlung und Nachwuchsarbeit verdient gemacht haben. In diesem Jahr erhielt ihn die Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan für ihr Mentoring-Programm Equilibrium Young Artists. Im dessen Rahmen hatte sie unter anderem Igor Strawinskys »The Rake’s Progress« erarbeitet und war damit im vergangenen Jahr bei den DMF zu Gast gewesen. Barbara Hannigan bedankte sich per Videobotschaft für den Preis und zeigte sich froh, in dieser Zeit etwas zu haben, für das sie »brennen« kann. Den Drang, Musik zu machen, habe sie nicht verloren, sagte sie und versprach, das Preisgeld für jene Künstler einzusetzen, die gerade in der ersten Phase ihrer Karriere stehen. Einige von ihnen sowie Barbara Hannigan waren noch in Beiträgen zu erleben, bevor der Marathon mit Künstlern wie Mischa Maisky, Pape Diouf und Eric Clapton in die Zielgerade einbog. Am Ende gab es sogar noch einen kleinen Zuschlag von fünf Minuten.

Zu erleben war Music Never Sleeps DMF auf verschiedenen Plattformen: die Seite der Musikfestspiele hatte leichte Startschwierigkeiten, und auch zwischendurch fiel das Video einmal aus. Sicherer war der YouTube-Kanal, wobei es ratsam war, den nervigen Chat auszuschalten, wenn man nicht sowieso im Vollbildschirm-Modus zusah. Wer nur hören wollte, konnte dies auf MDR Sachsen Extra via DAB+.

Für die kommenden Tage haben die DMF übrigens versprochen, daß alle Videos aus dem Marathon nachträglich noch veröffentlicht werden. Dann kann nicht nur jeder nach Gusto selektieren, sondern zwischendurch auch wieder schlafen – wir werden auf besondere musikalische Leckerbissen hinweisen.

20. Mai 2020, Wolfram Quellmalz

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