Auf dem Weg zu Mozart

»Concerti Galanti«

Eigentlich ist es unglaublich: Wolfgang Amadé Mozarts Klavierkonzerte, welche der Gattung eine bis heute fest sitzende Krone verpaßten, kamen aus der Mode. Die Akademien, für die man sich in Subskriptionslisten einschreiben mußte und die Mozart in der Mitte der 1780er einen nicht geringen Erfolg beschert hatten, fanden schon um 1790 / 91 nur noch mäßiges Interesse – die Leute wollten damals immerzu Neues hören und kennten seinen Stil, meinte der Komponist und wandte sich verstärkt der Oper zu.

Immerzu Neues – man stelle sich einen solchen Anspruch heute vor – bedeutete eine große Vielfalt an Werken und Handschriften. »Concerti Galanti« vereinigt zehn Werke der Gattung Klavierkonzert auf 3 CDs, die leicht, brillant, galant klingen, aber auch mannigfaltige Akzente setzen. Es sind Zeitgenossen Mozarts, wie Carl Stamitz (1745 bis 1801) und Domenico Cimarosa (1749 bis 1801), solche, die ein bis zwei Generationen vor ihm geborene wurden, wie Niccolò Jommelli (1714 bis 1774) oder Giovanni Battista Pergolesi (1710 bis 1736), sowie heute beinahe vergessene Meister wie Carlo Andrea Cambini (1819 bis 1865), der achtzehn Jahre nach Stamitz‘ Tod das Licht der Welt erblickte und damit der mit Abstand jüngste Vertreter in der Auswahl ist.

Schon die Bezeichnung »Klavierkonzert« erweist sich als nicht rigide abgegrenzte Kategorie. Von Pergolesi und Leopold Koželuh (1747 bis 1818) zum Beispiel enthält die Aufnahme je ein Konzert für zwei Pianos und Streichorchester, wobei David Boldrini und Elena Pinciaroli einmal an zwei und einmal am selben Flügel Platz genommen haben. Und auch die Bezeichnung »Streichorchester«, zeigt sich, ist Auslegungssache, wenn man in Pergolesis Allegro non assai zum Beispiel deutlich ein Fagott im Baß hört. Auf diese Weise sorgt die Kontrapunktik gerade im Adagio tardissimo gegenüber der Harmonik der Streicher trotz der Tempovorgabe (sehr langsam und ruhevoll) für einen lebhaften Puls.

Die Freude am Wiederentdecken gelingt auf allen drei CDs, denn einerseits spiegelt sich die eingangs genannte Vielfalt der Kompositionen wider, wobei sich schon hier verschiedene Stile deutlicher zeigen als ein einheitlicher Zeitgeist, andererseits ist den beiden Pianisten gemeinsam mit dem Orchestra Rami Musicali und seinem Leiter Filippo Conti eine erfrischend individuelle Aufnahme gelungen (sie wurde 2017 im Teatro di Vinci in Vinci und in der Chiesa di San Leonardo in Cerreto Guidi eingespielt).

Zu den Komponisten, die mit einer gewissen Nachhaltigkeit im Ohr bleiben werden, gehört Giovanni Paisiello (1740 bis 1816). Er beeindruckt nicht nur mit beschwingter Gangart noch im Largo und erquicklichen Ecksätzen, sondern auch mit herzhaften Hornrufen, die das Konzert bereichern. Wer mehr von Paisiello hören mag, wird übrigens beim gleichen Label fündig, das vor einigen Jahren schon eine Doppel-CD mit sämtlichen Klavierkonzerten Giovanni Paisiellos herausgebracht hatte (Pietro Spada / Orchestra da Camera di Santa Cecilia).

Zwar sorgen die Aufnahmeorte teilweise für etwas Nachhall, die Flügel scheinen dann sehr vordergründig, doch ist dies kein grundsätzlicher Nachteil der Aufnahme, der sich etwa als »Schwere« des Tons niederschlüge. Die akustische Präsenz tut den Stücken gut. Die Aria: Largo in Domenico Cimarosas Concerto B-Dur ist von zauberhafter Leichtigkeit, während Luigi Boccherinis (1743 bis 1805) Beitrag mit charmanten Violen und Celli an den Esprit eines Mozart oder Mendelssohn erinnert.

Der ganz junge Mozart begegnete 1764 und 1765 in London Johann Christian Bach (1735 bis 1782). Dieser hatte einen großen Einfluß auf das junge Genie, das seine ersten drei Klavierkonzerte (KV 107) nach dessen Sonaten anfertigte und den Bach-Sohn zeitlebens verehrte. Johann Christian Bach Opus 7 Nr. 5 ist ein überaus eleganter, würdiger Abschluß der Aufnahme.

11. Juni 2020, Wolfram Quellmalz

95260-concerti-galanti
David Boldrini und Elena Pinciaroli (Klavier),
Rami Musicali Orchestra, Filippo Conti (Leitung): »Concerti Galanti«, Klavierkonzerte von Muzio Clementi, Domenico Cimarosa, Giovanni Paisiello, Carl Stamitz, Giovanni Battista Pergolesi, Leopold Koželuh, Luigi Boccherini, Carlo Andrea Cambini, Niccolò Jommelli sowie Johann Christian Bach, 3 CDs, Brilliant Classics 95260;

95260 Concerti Galanti Ergänzung Paisiello_94224
ebenso erhältlich: Pietro Spada,
Orchestra da Camera di Santa Cecilia: Giovanni Paisiello, sämtliche Klavierkonzerte, 2 CDs, Brilliant Classics 94224

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