Janowski läßt den Bär tanzen

Dresdner Philharmonie zündet nächste Stufe der Wiederkehr

»Wir haben mit das anspruchsvollste vor, was möglich ist« sagt Marek Janowski über das, was seit Tagen schon im Kulturpalast vor sich ging. Seit über einer Woche gab es wieder Proben mit Musikern in einer Orchesterformation – das Leben kehrt ins Haus zurück, stellte Intendantin Frauke Roth glücklich fest. Bevor es in der kommenden Woche wieder die ersten Konzerte mit Publikum gibt, standen zunächst drei Radiokonzerte auf dem Programm. Am Donnerstag, Freitag und noch einmal heute gab und gibt es Werke von Joseph Haydn und Paul Hindemith, an denen Chefdirigent Janowski viel gelegen ist – sämtliche »Pariser Sinfonien« Joseph Haydns und sechs Kammermusiken Paul Hindemiths. Zwei der Sinfonien hatten noch nie auf den Programmen der Philharmonie gestanden, die letzte Aufführung liegt mittlerweile fünfzehn Jahre zurück – nun gab es zur Wiederkehr quasi einen Zyklus.

Neben den Hörern vor dem Radio konnten sich am Donnerstag Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch und eine Handvoll Vertreter von Stadt und Presse davon überzeugen, wie der Saal mit erweiterter Bühne klingt. Pro Abend und Stück wechselt die Besetzung, so daß trotz kammermusikalischer Anlage alle Philharmoniker zum Einsatz kommen. Sie sitzen mit Abstand, jeder vor den eigenen Noten. Pultnachbarn, eigentlich ein Standard, gab es nicht. Würde sich die gewohnte Homogenität einstellen?

Am Donnerstagabend stellte sie sich ein. In Paris gab es zu Joseph Haydns Zeiten ein vergleichsweise großes Orchester mit – gemessen an Wien – riesigem Streicherapparat. Marek Janowski, der jung und vital wirkte, bezog daraus einen reichen Klang, der weit schien, umfassend, der aber nichts zudeckte – nach einem viertel Jahr sinfonischer Pause tat das wohl! Der rhythmisch pulsende Baß blieb ebenso klar wie die Bläser, über denen die Violinen in den höchsten Tönen jubilierten. Dem »Bär«, Beiname der Sinfonie Nr. 82 C-Dur, haftete nichts Behäbiges oder Täppisches an, dieser Bär schien zu tanzen! Und auch in der Sinfonie Nr. 87 A-Dur, die den Abend beschloß, spielte Marek Janowski mit Haydns Vivace in unterschiedlichen Graden.

An den feingezeichneten Duetten konnte man seine Freude haben. Das Adagio (Flöte und Oboe, zu denen sich das Fagott gesellte) aus Nr. 87 klang superb. Noch mehr solcher Dialoge bot die Philharmonie bei Paul Hindemith, dessen Kammermusiken quasi auch einen Nachholbedarf hatten. Dabei hatte der Komponist einst sogar eine als Solist mit dem Orchester gespielt! Für die vierte und fünfte waren Arabella Steinbacher (Violine) und Antoine Tamestit (Viola) nach Dresden gekommen, die mit ihren Instrumenten verzaubern können. Steinbachers Ton ist von großer Tragfähigkeit, oft lyrisch, doch lebt die Violinistin dies nicht eindimensional aus, greift einen Einsatz schon einmal bewußt kratzig auf, wird feurig. Ihre Vielfarbigkeit spiegelte sich in den Soli des Orchesters, vor allem von Trompete, Posaune und Klarinette, wider.

Es war ein Abend voller Kontraste. Nachdem eben ein Kammerorchester ohne Violinen aufgetreten war, ließ Hindemith für Nr.5 auch noch die Violen weg – bis auf den Solisten. Und der spielte süffig, reich, mit Mut zur »Kante«. Nach dem poetischen »Nachtstück« mit Arabella Steinbacher zuvor zeigte Antoine Tamestit den langsamen Satz der fünften Kammermusik voll melancholischer Wehmut – die emphatische Geste war stark, schien aber zu keiner Zeit überzogen. Wenn etwas fehlte, dann war es das Publikum, das sich Zugaben erjubelt hätte.

12. Juni 2020, Wolfram Quellmalz

Alle drei Radiokonzerte können incl. Pausenbeiträgen und Gesprächen in der Audiothek von Deutschlandfunk Kultur nachgehört werden.

Nächste Konzerte der Dresdner Philharmonie: 18. Juni, 18:00 und 20:30 Uhr, »Freude«, Joseph Haydn, Sinfonie Nr. 99 (Londoner), Ludwig van Beethoven: Quartett Opus 18 Nr. 2 G-Dur, Dresdner Philharmonie, Marek Janowski (Leitung), Quatuor Ébène

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