Heimkehrer schicken Gruß in die Welt

amarcord und Daniel Hope spielten in der Dresdner Frauenkirche

Nach dem gelungenen Auftakt zur musikalischen Wiedereröffnung der Frauenkirche kehrte am Wochenende auch Daniel Hope zurück und nahm – fast wie geplant – wieder am Dresdner Konzertleben teil. Als künstlerischer Leiter hat er hier ein Zuhause, insofern bekam der Titel »Hope@home on tour« einen doppelten Sinn.

Statt des ursprünglichen Programms »AIR – A baroque journey« mit instrumentalen Kollegen standen jedoch die Sänger von amarcord im Altarraum. Die Leipziger nehmen schon seit den ersten Konzerten in der Unterkirche während des Wiederaufbaus regen Anteil am Leben in der Frauenkirche. Für sie war es sogar das erste reale Konzert seit dem 2. Februar – nichts könne den direkten Kontakt mit dem Publikum, den Blick in die Augen (bei teilweise verdecktem Gesicht) ersetzen, meinte Bariton Daniel Knauft.

Anders als vor einer Woche waren nun auch die Emporen geöffnet, außerdem gab es zwei Konzerte um 18:00 und 20:00 Uhr, so daß die Zuhörerzahl vor Ort bereits deutlich größer war. Mit der Aufzeichnung durch arte kann sie sich nun noch vervielfachen.

Die musikalische Stunde führte durch fünf Jahrhunderte, begann bei John Dowlands »Time stands still«, was für manche einem gegenwärtigen Gefühlszustand entspricht, schloß mit Sinéad O’Connors »In this heart« und Cole Porters »Let’s do it« aber auch populäre Titel des zwanzigsten Jahrhunderts ein. Wie oft bei amarcord war dies kein buntes Vielerlei, denn sie wissen sich als Ensemble auf die jeweiligen Stücke und Komponisten einzustellen und sind ausgesprochen individuell in ihren Arrangements. Wie bei der Komponistin Ethel Smyth. amarcord brachte ihr »Soul’s joy, now I am gone« sozusagen mit, denn die Engländerin hatte in Leipzig unter anderem bei Carl Reinecke studiert, Heinrich von Herzogenberg und Peter Tschaikowski kennengelernt.

Den Abstand zu halten, drei Meter in ihrem Fall, ist für Sänger musikalisch nicht einfach, denn es kommt gerade bei Ensembles besonders darauf an, einander zu hören. Bei Heinrich Schütz‘ frühem Madrigal »Così morir debb’io« (SWV 5) zum Beispiel ist es extrem wichtig. Daß man sich über viele Jahre kennt und Vertrauen zueinander hat, ist da unzweifelhaft von Vorteil, ein Prozeß des allmählichen Verschmelzens blieb dennoch im Gang. Auch hier zeigte sich eine amarcord-Qualität: spontan reagieren zu können.

Daniel Hope »mischte« sich mit seiner Violine bei einigen Titeln ein. Ein ähnliches Verfahren hatten die Musiker bereits bei ihren Konzerten im September praktiziert. Manchmal übernahm die Violine eine Singstimme, oder aber sie begleitete, war improvisatorisch hinzugefügt. Oft lauschte Hope andächtig, wie sich die fünf Sängerstimmen umschlangen, wie bei »Fröhlich im Maien« von Richard Strauss (in der gegenwärtigen Situation muß man manches »unzeitgemäß« nachholen).

Wenn kein »buntes Vielerlei« entstand, so lag das nicht zuletzt an den emotionalen Farben, die amarcord beschwören kann. Ob dies die Freude war (»Jesus bleibet meine Freude«, BWV 147 / 6) oder Robert Schumanns »Rastlose Liebe«, deren jagender Charakter gar an ein Hornquintett gemahnte. Von Strauss‘deutscher Spätromantik zu Sinéad O’Connors irischem Lied – dieser Abstand schien klein.

7. Juni 2020, Wolfram Quellmalz

Die Konzertaufzeichnung kann noch bis zum 4. September in der arte Concert-Mediathek nachgesehen werden.

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