Mittsommerklänge in Loschwitz

Solokantaten und Instrumentalwerke rund um die Chaconne

Ursprünglich war die Chaconne, auch Ciacona oder Chacona, ein im 16. Jahrhundert entstandener Reigentanz, der über einem wiederkehrendes Thema im Baß kreist. Später wurde daraus ein Variationsstück, das sich wunderbar ausschmücken, steigern läßt und bei Komponisten und Musikern beliebt war. Sie fanden hier, ähnlich wie in der Fuge, Gelegenheit, Ideenreichtum und Beherrschung des Handwerkes meisterlich und kreativ sprießen zu lassen. Unter den Sätzen einer Kantate oder Suite ist die Chaconne häufig der Höhepunkt, man denke nur an Bachs Partita für Violine Nr. II.

Für die Mittsommerklänge in der Loschwitzer Kirche am Sonnabend hatten Sebastian Knebel (Cembalo, Orgel und Leitung) und Anna Kellnhofer (Sopran) mit Solisten der Cappella Sagittarianna Dresden sieben Stücke ausgewählt, von denen allein sechs auf der Chaconne fußten. Sie stammten alle von Dietrich Buxtehude, und in manchem, wie dem Praeludium in C (BuxWV 137) konnte man erahnen, weshalb Buxtehude ein Vorbild war, zu dem der junge Bach einst per pedes pilgerte.

Daß die Chaconne nicht nur abwechslungsreich ist, sondern beflügelt, bewiesen schon die Solokantaten »Herr, wenn ich nur dich habe« (BuxWV 38) und »Quemadmodum desiderat cervus« (Wie der Hirsch verlangt nach Wasserquellen, BuxWV 92) deren Zuversicht und Hoffnung wesentlich aus der Form der Chaconne wachsen. Sie vereint stetige, absehbare und zuverlässige Wiederkehr mit Variationen, also Abweichung, auf bereichernde Weise. Anna Kellnhofer ließ ihren glockenhellen Sopran von der Orgelempore, wo sich die Capella Sagittarianna Dresden um das Wegscheider-Orgel versammelt hatte, in den Raum strömen.

Daß es drinnen licht und luftig blieb (und noch mehr wurde), während sich draußen die Wolken für den ersten Guß zusammenzogen, lag nicht allein am gefühlten Ausgleich des in den letzten Wochen erlittenen Mangels musikalischer Gelegenheiten. Vielmehr zeigte sich, wie stimmig und wichtig es ist, einen Raum entweder zu kennen oder akustisch zu erobern. Die Musiker der Cappella Sagittarianna um Margret Baumgartl (Violine) holten sich einen angestammten Platz spielerisch zurück, für die Zuhörerschar bedeutete dies nicht allein Wohlklang, sondern Ausgewogenheit – wesentlich bei rhythmisch geprägten Werken oder solchen, bei denen die Botschaft des Textes verstanden werden soll. Nicht im emotionalen (Über)fluß lag der Schlüssel, sondern im austarieren der Stimmen.

Sebastian Knebel spielte neben dem genannten Praeludium noch die Ciaconna für Orgel solo (BuxWV 160), welche die Meisterschaft Dietrich Buxtehudes in Klangreichtum übersetzte, dazwischen ging es in den Altarraum, wo er am Cembalo die Musiker begleitete. Zwei Sonaten für Violine, Viola da gamba (Katharina Holzhey) und Basso continuo (BuxWV 261 und 272) waren vom Reiz der unterschiedlichen Soloinstrumente geprägt, den Mittelteil des Programms markierte die Suite für Cembalo solo nach dem Lied »Auf meinen lieben Gott« (BuxWV 179), übrigens das einzige Werk des Abends ohne Chaconne, doch näherte sich dieser in der Courante an.

Nach dem fast totalen Kulturverzicht missen die Zuhörer in den derzeitigen Konzertformaten noch manches. Blumen für die Künstler zum Beispiel und Zugaben. Am Sonnabend gab es jedoch auch hier die nächste Annäherung: Anna Kellnhofer und die Cappella Sagittarianna setzten mit Adam Kriegers gewitzter Erzählung zweier Nymphen noch eines drauf.

28. Juni 2020, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert in der Loschwitzer Kirche:

musikalische Vespern am Freitag, 18:00 Uhr, 3. Juli: Anett Baumann (Violine) und Juliane Preiß (Viola), 10. Juli: Barbara Christina Steude (Sopran), Tobias Braun (Orgel)

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