Wer braucht Not, um erfinderisch zu sein?

Dresdner Philharmonie spielt am Elbufer

Seit Donnerstag gastiert die Dresdner Philharmonie bei den Filmnächten am Elbufer. Statt der geplanten »Neunten« gibt es jedoch ein zweiteiliges Alternativprogramm: um 18:00 Uhr in kindertauglicher Kürze Sergei Prokofjews »Peter und der Wolf« für die Familie sowie um 21:00 Uhr eine »Sommerliche Serenade« für dagebliebene und später kommende. In der Begrüßung am ersten Abend wollte Johannes Vittinghoff, Geschäftsführer des Partners Filmnächte am Elbufer, den Ball von Moderator Malte Arkona über die Chance, die Corona vielleicht böte, jedoch nicht aufnehmen. Wer erlebt die Einschränkungen schon als angenehm oder gar vorteilhaft?

Das Sprichwort, daß Not erfinderisch macht, sollte man ohnehin relativieren, denn den initialen Gedanken gilt es auch umzusetzen. Die Idee allein genügt nicht – man muß eben können. Die Qualität des Orchesters und der Beteiligten ist also entscheidend. Dominik Beykirch, hauptberuflich derzeit am Deutschen Nationaltheater Weimar, konnte sich auf die Qualität des Orchesters verlassen. Flöte (Vogel), Klarinette (Katze), Oboe (Ente), Fagott (Großvater) und Peter (Streicher) belebten ihre Rollen und blieben im dichten erzählerischen Gewebe verhaftet. Daß es am Elbufer keine Saalakustik gibt, ist selbstverständlich. Die Übertragung via Mikrophon und Lautsprecher bedarf daher sorgsamer Einrichtung, um einen homogenen Orchesterklang nachzubilden und Nebengeräusche nicht präsent werden zu lassen. Mithin würde die Technik kleine Patzer der Instrumente allerdings schnell offenbaren.

Vor derlei Ungemach bewahrte die Philharmonie ihr Publikum, und so blieb der launig-unterhaltsame Abend auch musikalisch intakt, Malte Arkona der Textfassung von Jörg Morgener recht nah, baute mit kleinen Schlenkern aber die vorbeifahrende Straßenbahn mit ein und lieferte den Wolf schließlich im Moritzburger Wildgehege ab. Daß er modulierend vom zwitschernden Vogel über den brummenden Großvater bis zum »bösen, stinkenden Wolf« ins bodenlose stürzen kann, machte den Text nur noch vergnüglicher. Einziger Wermutstropfen: Die Ente, die der »böse, stinkende Wolf« im ganzen verschluckt hatte, wurde trotzdem nicht gerettet!

Das Serenadenkonzert leitete der auch ursprünglich geplante Dirigent. Nicht irgendwer, sondern Markus Poschner, der lange Jahre 1. Gastdirigent gewesen ist und einen der drei bemerkenswerten Beethovenzyklen (neben Kurt Masur und Michael Sanderling) geleitet hat, die das Orchester in den letzten Jahren, teilweise sogar überschneidend, aufführte.

Zupackend und mit Sorge ums Detail schien Gioacchino Rossinis Ouvertüre zu »Der Barbier von Sevilla« von Mozart inspiriert. Zwar drängt das Stück voran, nimmt die turbulente Handlung voraus, Markus Poschner konnte dies aber noch dynamisch abstufen und verließ sich nicht allein auf Rossinis sprudelndes Temperament.

Für das erste Cellokonzert Camille Saint-Saëns‘ betrat Friedrich Thiele das Podium. Der Gewinn des ARD-Musikpreises im vergangenen Jahr hat den jungen Dresdner enorm beflügelt, der seither nicht nur im Mariinsky-Theater Sankt Petersburg, in der Elbphilharmonie Hamburg und im Herkulessaal in München aufgetreten ist und schon im Orchester der Sächsischen Staatskapelle mitgespielt hat. Als Solist in Saint-Saëns virtuos-fidelem Konzert zeigte er Fingerspitzengefühl und Gestaltungssinn, wußte den melodiösen Fluß strömen zu lassen, erklomm aber auch den Gipfel des dritten Satzes mit Leichtigkeit. Zarte Passagen vor dem Schluß hob er heraus, was nicht zuletzt gelang, weil Markus Poschner das Orchester dicht folgen ließ. Trotzdem spürte man – ein kleiner Freiluftnachteil –, daß das Stück nicht so robust ist wie Rossinis Ouvertüre, sondern luftig wie Biskuit. Als Zugabe hatte Friedrich Thiele noch einmal Prokofjew dabei, den »Kindermarsch«.

Mozarts »Linzer Sinfonie« (KV 425) im Anschluß klang wieder etwas kerniger. Oder feierlicher, festlicher, wie Malte Arkona das Werk angekündigt hatte. In der Tat waren hier Ort und Lautsprecher schnell vergessen, denn Markus Poschner ließ den Glanz von Kronleuchtern und Ballsälen aufblitzen. Im federnden Andante waren fast Beethoven’sche Schicksalstöne versteckt, doch die behende Majestät des Werkes setzte sich durch, blieb antreibend und lebendig. Selbst das Wetter hatte sich pünktlich auf »sommerlich« eingestellt – wer wollte da noch mehr?

10. Juli 2020, Wolfram Quellmalz

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