Vertrauen in Wort und Klang

Letzte Kreuzvesper vor der Sommerpause

Der Häufigkeit des Auftretens nach könnte man das Vocal Concert Dresden als zweites »Hausensemble« zählen. Immerhin war sein Gründer und Leiter Peter Kopp lange Jahre auch Chordirigent des Kreuzchores. Vor dem fünften Sonntag nach Trinitatis brachte er Musik vor allem des 17. Jahrhunderts mit in die Kreuzvesper.

Die Hinterfragung des Glaubens bzw. die Gottesnähe stehen, unabhängig von einem besonderen Schwerpunkt, eigentlich immer im Zentrum. Andreas Hammerschmidt hatte Versen aus dem 37. Psalm (»Habe Lust an deinem Herrn«) mit hellen Tönen einen inneren Auftrieb beschert, den das Vocal Concert hymnisch verkündete. Nicht nur, als die Stimmen sich vereinigten und wiederholt die Bedeutung von »Gerechtigkeit« und »Licht« heraushoben, beeindruckte die geschlossene Form, die der Chor dabei vermittelte – schließlich standen die Sängerinnen und Sänger großzügig im Altarraum verteilt. Allerdings fiel diesmal auf, daß die Verständlichkeit (noch) nicht das gewohnte Niveau hat, was angesichts der eingeschränkten Chorpraxis und Probemöglichkeiten jedoch nicht verwunderlich ist.

Etwa zwanzig Jahre vor Hammerschmidts beinahe jubelndem Gesang hatte Johann Hermann Schein »Dennoch bleibe ich stets an dir« aus Psalm 73 einen eher nach innen gekehrten Charakter gegeben. In den absteigenden Motiven fand Peter Kopp Momente großer Konzentration und Kontemplation. Die mehrfach wiederholte Schlußzeile (»Du leitest mich …«) stand so zu großer innerer Kraft. Mit Melchior Franck, der die folgenden Verse (»Herr, wenn ich nur dich hab«) desselben Psalms vertont hatte, ging es noch einmal um knapp zwanzig Jahre zurück. Franck schien jedoch zunächst Fragen zu stellen, zum sich-Befragen aufzufordern. Das Vocal Concert fand hier im Wechsel von Polyphonie und Homophonie zu einer eindrucksvollen »inneren« Stimme. Eine solche Selbstbefragung enthält auch Johann Hermann Scheins »Das ist mir lieb«, dessen lange Textpassage der Chor lebhaft – von Herzen – durchwanderte, wobei hier das Mitlesen der Verständlichkeit wegen von Vorteil war.

Einen fast schon konzertanten Kontrapunkt hatte KMD Sandro Weigert, der sonst an der Auferstehungskirche Dresden-Plauen ein reichhaltiges und vielfältiges Musikprogramm zusammenstellt, zwischen den »Befragungen« eingeschoben. Ernst Friedrich Richters Sonate d-Moll geht in Form und Sprache weit über das Zitat einer Titelzeile oder Botschaft hinaus. Symmetrisch und mit einem verspielten Mittelteil aufgebaut, sorgte sie auf beflügelnde Weise für Farbe, Licht und Luft.

Mit Max Regers tief- bzw. hochromantischen »Laß mich dein sein« mit einer im feinsten Piano ausklingenden Schlußzeile setzte Peter Kopp dann einen (nach Kompositionsursprung) zeitlichen Kontrapunkt in seinem Programm, bevor das Vocal Concert mit Melchior Vulpius‘ »Hinunter ist der Sonnen Schein« wieder ins 17. Jahrhundert zurückkehrte.

Ohne eine besonders herausgestellte (übergeordnet) wichtige Botschaft sorgte die letzte Kreuzvesper gerade für die Möglichkeit des (sich) Besinnens. Zuwendung, Abwendung oder Ausgrenzung prägen Lebensläufe wesentlich, wie jene des Reformators und Kirchenlieddichters Nikolaus Selneckers (»Laß mich dein sein und bleiben«), erinnerte Superintendent Christian Behr.

12. Juli 2020, Wolfram Quellmalz

Am kommenden Sonnabend beginnt mit der Ferienzeit auch der Orgelsommer (18. Juli: Zeno Bianchi / Stockach) an der Kreuzkirche, nachdem am 5. September der Kreuzchor zur ersten Vesper des neuen Schuljahres zurückkehrt. Bereits zuvor wird der Dresdner Orgelzyklus fortgesetzt.

15 Juli, 20:00 Uhr, Dresdner Orgelzyklus, Wolfgang Capek (Wien) spielt Werke von Bach, Mozart, Tschaikowski und Dupré, ab 19:19 Uhr: Gespräch »Unter der Stehlampe«

18. Juli bis 29. August »Orgelsommer«, jeweils sonnabends 15:00 Uhr, 45 Minuten Orgelmusik, Eintritt frei

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