Stürmisch, aber wohldurchdacht

Sächsische Staatskapelle und Christian Thielemann kehren mit einem Beethoven-Sonderkonzert zurück

Ein gutes halbes Jahr ist es her, daß Christian Thielemann seinen Beethoven-Zyklus mit den Sinfonien eins, zwei und drei begann. Auch am Sonnabend sollte in der Semperoper Beethoven erklingen, allerdings das fünfte Klavierkonzert (Pianist: Krystian Zimerman) und – an dessen 93. Geburtstag – mit dem Ehrendirigenten der Kapelle, Herbert Blomstedt.

Nach dem Auf und Ab der letzten Wochen setzte die Sächsische Staatskapelle mit ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann und einem Sonderkonzert nun ein Auf-Zeichen. Zwar gegenüber den Dezember-Aufführungen deutlich reduziert, aber dennoch in sinfonischer Stärke, kehrten die Musiker nun auf ihre Bühne zurück. Auf die Vorderbühne genaugenommen, denn die eigentliche wird derzeit umgebaut, der Bühnenboden erneuert. Für die hinteren Reihen mußte so ein provisorisches Podest geschaffen werden, der Schmuckvorhang nach hinten versetzt.

Manches war also anders, und dennoch stellte sich vor allem eines ein – das Kapellgefühl. Orchester und Dirigent haben die letzten Monate musikalisch wohl unbeschadet überstanden bzw. haben sie die erlittenen Defizite bereits wieder ausgeglichen. In der Homogenität des Klangs waren keine Einbußen zu bemerken, in der Auslotung feinster Stufungen ist sich Christian Thielemann treu geblieben.

Gefühlt war trotzdem einiges anders als im Dezember. Noch stärker schien Beethovens revolutionäres Brausen, was aber auch subjektiv empfunden sein dürfte. Aber nicht allein, denn das Programm war eben neu, keine Wiederholung von eins-zwei-drei (das wäre ohnehin zu lang gewesen für die aktuellen Konzepte).

Vor den ersten beiden Sinfonien hatte Christian Thielemann die Coriolan-Ouvertüre gesetzt. Der stolze Kämpfer kommt der »weggelassenen« »Eroica« im Charakter durchaus nahe, und gerade in den Ouvertüren läßt sich mitunter eine erstaunliche Individualität (auch der Interpretation) entdecken. Der Chefdirigent nahm sie etwas »kantig«, also kämpferisch, hatte den Klang seines Orchesters nach Pause und in quasi nicht-regulärer Aufstellung bestens eingerichtet. Das Spiel der Motive zwischen ersten und zweiten Violinen bzw. Violinen und Orchester zu verfolgen, war in Overtüre und Sinfonien beglückend!

Nach dem wie ein Prosecco erfrischenden Coriolan und dem etwas hastig begonnenen 1. Satz der c-Moll-Sinfonie stellte sich schnell ein ausgewogener Klang ein, tragende Streicher, durch welche Bläsersoli mühelos hindurchleuchteten. Kein satter »Wohlfühlklang« war dies, sondern immer aufregend, vibrierend, kitzelnd. Die mit dem Schalloch mehr zur Bühne sitzenden zweiten Violinen verführte Christian Thielemann zu einem leicht rauchigen Gestus, das Andante cantabile con moto zirkelte er grazil aus, ohne daß es zerfiel.

In beiden Sinfonien tritt Beethoven als »Antreiber« auf. Das eigentliche Scherzo der ersten, mit Menuetto beginnend, dürfte das Publikum der Beethovenzeit aufgeregt haben, indes sich der Komponist in beiden Finalen versöhnlich zeigt, wie die Kapelle bewies.

Die Balance stimmt also wieder oder nach wie vor. Nicht nur im Miteinander von Soli und Tutti, auch in der Färbung, wenn die Hörner und Trompeten herrlich schimmerten. Ihr mahnender Ruf im Allegro der D-Dur-Sinfonie war ein Aufdämmern, bevor wenig später die tremolierenden Violingruppen mit Motiven und Echos spielten. So viel Beethoven, einfach herrlich!

12. Juli 2020, Wolfram Quellmalz

Die neue Spielzeit der Sächsischen Staatskapelle Dresden startet am 29. August mit dem Sonderprogramm »Variation«. Nach dem Gastspiel des Gustav Mahler-Jugendorchesters kehrt die Staatskapelle mit ihrem Chefdirigenten und zwei Programmen um Richard Strauss und Richard Wagner zum 1. Sinfoniekonzert (30. August und 1. September) zurück. Weitere Informationen unter: http://www.staatskapelle-dresden.de

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