Ohrenputz in der Kreuzkirche

Wolfgang Capek verzückt Orgelpublikum

Die erste Überraschung gab es schon vor Beginn: Wer zum Gespräch »Unter der Stehlampe« wollte, mußte sich frühzeitig in die Schlange einreihen, um rechtzeitig drinnen zu sein. Und der Besucherstrom riß nicht ab, so daß am Ende gar die Programmhefte ausgingen – das gab es lange nicht. Hatte nur der Blick aufs Programm so viele verleitet oder war ihnen bekannt, wie anregend Wolfgang Capeks Konzerte sind?

Der Wiener ist (unter anderem) Hauptorganist an der Augustinerkirche seiner Heimatstadt, jener Kirche, wo 1810 Napoleon in Abwesenheit Erzherzogin Maria Ludovika heiratete – der selbsternannte Kaiser hatte einen Stellvertreter geschickt. Auch sonst gab es im gleichen Gotteshaus manche hochwohlgeborene Taufe oder Trauung zu feiern, es war Aufführungsort von Requien für bedeutende adelige Personen – solche Musik wie am Mittwoch in der Kreuzkirche dürfte zu solchen Anlässen aber kaum gespielt worden sein!

Johann Sebastian Bachs Concerto d-Moll (BWV 596) nach Vivaldi war im Vergleich fast gewöhnlich, obschon Wolfgang Capek schon hier viele Vogelstimmen erweckte – sie sollten noch mehrfach wiederkehren. Bei Joseph Haydn zum Beispiel. Oft wird vergessen, welch ergötzliche Orgelmusik der Komponist geschrieben hat (wie die Orgelkonzerte Hob. Gruppe XVIII). Stücke für die Flötenuhr, Automatenmusik im Grunde, kennt man vielleicht noch von Mozart, Wolfgang Capek brachte vier solcher Miniaturen aus der Feder Haydns mit nach Dresden, in denen sich Drosseln und Finken zu tummeln schienen. Keinen Deut weniger munter ging es bei Mozart zu, doch – nächste Überraschung – nicht eine der raren Originalkompositionen stand auf dem Programm, sondern ein Arrangement des Schlußsatzes aus der Jupiter-Sinfonie (KV 551). Mit seiner Themenvielfalt und fugiertem Einsatz mag er natürlich für eine solche Übertragung geeignet (herausfordernd) scheinen, verblüffend war die Leichtigkeit, mit welcher der Organist diesen Satz zauberte – jedes Thema blieb mit klaren Orchester- bzw. Registergruppen nachverfolgbar, belebende Frische allenthalben – von übermächtigem Schall und Rausch konnte nicht die Rede sein.

Mit Louis Lefébure-Wély, Marcel Dupré und Eugène Reuchsel öffnete Wolfgang Capek sein Schatzkästlein noch etwas weiter, und es purzelten impressionistische Préludes und Bilder (Reuchsels Trommler und sonnige Wolken) heraus. So unterhaltsam dies war, gab es darunter auch der Liturgie zugeordnete Musik, wie ein Offertoire (Lefébure-Wély) und ein filigranes Marienanthiphon von Marcel Dupré. Ein feiner Wohlklang blieb dem Konzert inne, immer wieder durfte das Flötenregister zwitschern. Erstaunlich waren die Stücke von Louis Lefébure-Wély, die sich als effektvoll, aber nicht effektheischend erwiesen. Sein prächtiges Offertoire überraschte die Zuhörer mit einem Messiah‘schen »Halleluja«-Ruf.

Das Tollste gab es aber zum Schluß: Allegro vivace aus Peter Tschaikowskys »Pathétique«. Mit einem Orchester steigert sich der Satz über Terrassen ins unermeßliche – auf der Orgel war diese Steigerung frei von jeder lärmigen Attitude, kein Orchesterdonner, aber ein irrwitziges Virtuosenstück, das keine Orchesterfarbe missen ließ.

Ohne zwei Zugaben, einem Scherzando von Jean Langlais und dem Choralvorspiel »Nun danket alle Gott« von Franz Schmidt, konnte der Abend nicht zu Ende gehen.

16. Juli 2020, Wolfram Quellmalz

Nächste Konzerte des Dresdner Orgelzyklus (jeweils 20:00 Uhr): Am 29. Juli spielt Stefan Kordes (Göttingen) Werke von Henri Mulet, César Franck und Louis Vierne in der Frauenkirche, am 5. August ist Matthias Havinga mit Stücken von Sweelinck, Bach, Mendelssohn, Duruflé und Messiaen in der Kreuzkirche zu Gast (ab 19:19 Uhr Gespräch „Unter der Stehlampe“). Am Sonnabend beginnt der Orgelsommer (jeweils 15:00 Uhr, Eintritt frei) in der Kreuzkirche.

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