Schwitzen beim Proschwitzer Picknick

Erster Auftritt der Moritzburg Festival Akademie

Nachdem das traditionelle Konzert in der Flugzeugwerft in diesem Jahr entfallen mußte, war das Picknick im Park von Schloß Proschwitz der erste Auftritt der Moritzburg Festival Akademie. Das Pensum der Teilnehmer war keineswegs geringer, denn aufgrund der Quarantäne- und Reisebeschränkungen konnten im wesentlichen nur jene Akademisten anreisen, die aus Europa kommen oder hier studieren. Gerade einmal sechzehn sind es in diesem Jahr (normal sind um die vierzig). Und noch einer hatte ein viel höheres Pensum als normal: Josep Caballé Domenech, der Chefdirigent des Akademieorchesters, übernahm die Betreuung diesmal allein, um die räumliche Trennung zwischen Festival- und Akademieteilnehmern zu wahren. Auch hier sieht der Normalfall eigentlich vor, daß von den Festivalmusikern um die fünf als Tutoren fungieren.

Der Vielfalt des Programms und der Qualität tat dies kein Abbruch. Allenfalls stellte der aufmerksame Besucher fest, daß in diesem Jahr kein Pianist dabei war und daß jeder Teilnehmer viel mehr Stücke spielte, als sich wie sonst auf zwei, drei oder vier Werke und Ensemble zu konzentrieren. Welche Tiefe in der Erarbeitung sie dennoch erreichen, kann man vor allem heute in der Langen Nacht erleben, wenn es auf der Schloßterrasse mit noch zwei Stücken mehr auch um die Festivalpreise geht.

Zur gestrigen Matinée im Park gab es bereits über drei Stunden Musik, vom Duo für Bläser über Streichquartette bis zum Oktett. Damit waren die Stücke schon im Charakter sehr heterogen, eine weitere Differenzierung erfuhr das Programm durch die Entstehungszeit. Johann Sebastians Sohn Wilhelm Friedemann Bach (Duo für Flöte / Mario Bruno und Oboe / Ruth Santiago Gonzalez) gehörte zu den ältesten Stücken, den Gegenpol stellte eine ganze Reihe von Werken aus dem zwanzigsten Jahrhundert dar: Neben Jaques Iberts drei Stücken für ein Bläserquintett (Bruno und Gonzales, außerdem Clarissa Schmitt / Klarinette, Hana Hasegawa / Fagott und Carlos Pinho / Horn) waren Francis Poulencs Mouvements Perpétuels mit einem Akademie-Nonett sowie Paul Hindemiths Kleine Kammermusik Opus 24 Nr. 2 (Besetzung wie Ibert) zu hören. Somit gab es viel launige, unterhaltsame Kammermusik von hoher Qualität, wie gemacht für den Anlaß.

Den Mittelteil bestimmten vor allem die Streicher, die mit Luigi Boccherinis Quintett Opus 39 Nr. 1 (Carolin Grün und Marie-Therese Schwöllinger / Violinen, Jiliang Shi / Viola, Benjamin Lund Tomter / Violoncello und Miguel Pliego Garcia / Kontrabaß) die Hitze des Tages in einen besonders warmen Klang gossen. Matthew Chin (Violine), Carolin Grün, Jiliang Shi / Viola und Benjamin Lund Tomter hoben gleich hernach einen Satz aus Antonín Dvořáks herrlichem Es-Dur-Quartett auf die Bühne – ein melodischer Hochgenuß! Mit Witold Lutosławskis Dances Preludes ging es gleich darauf wieder ins zwanzigste Jahrhundert – mit unbeschwerter Leichtigkeit. Daß dem Festival trotz der Vielzahl die Dramaturgie und der Wunsch der Komponisten wichtig sind, zeigte sich bei Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 (Schwöllinger, Lydia Stettinius / Violine, Shi, Tomter): Vor dem berühmten, energieberstenden Allegro molto erklang noch das einleitende Largo.

Zum Schlußteil – langsam erreichte die Hitze die Grenze des erträglichen – flüchteten manche Ensemble in den Schatten neben der Bühne. Eines der raren Streichtrios Ludwig van Beethovens (Matthew Chin, Anuschka Cidlinsky / Viola und Petar Pejčić / Violoncello) klang dennoch kein bißchen »schattig« und kann den Vergleich mit dem Hauptprogramm sicher bestehen – heute wird man es hören.

Nachdem ein Flötenquartett Joseph Haydns (Bruno, Grün, Shi, Pejčić) den Vormittag begonnen hatte, durfte ein Serenadenstück, ein wundervolles Allegro brio Heinrich Hofmanns, den Schlußpunkt markieren. Mehr Musik konnte man sich kaum wünschen, höchstens mehr Schatten.

Mit der traditionellen Langen Nacht der Kammermusik und der Vergabe der Preise des Moritzburg Festival durch das Publikum steht gleich heute 19.00 Uhr der nächste Höhepunkt an.

11. August 2020, Wolfram Quellmalz

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