»Ich schreibe lieber tausend Noten als einen Brief«

Sonnabend-Konzerte beim Moritzburg Festival

Das Beethoven-Jubiläum zu feiern heißt nicht, ihn immer und überall zu spielen, sondern ausgewählte Höhepunkte zu schaffen, beim Moritzburg Festival gehört er ohnehin zu den Themenschwerpunkten. Sich ihm weiter nähern kann man zum Beispiel durch eine Lesung. Der Schauspieler Friedrich-Wilhelm Junge hatte zunächst über das Angebot des Veranstalters, eine Lesung zu Beethoven zu gestalten, sinniert und schließlich gedacht »der wird ja Briefe geschrieben haben« – hat er. Und wie sich zeigt, sind diese keine Weltchronik, welche Revolution und Umbrüche dokumentiert, sie erzählen von einem liebenden, leidenden, mit sich ringenden und manchmal verbitterten Menschen. Beethoven, dessen Gehör immer mehr nachließ, war von vielen hörenden Zeitgenossen unverstanden. Das Schöne am Lesekonzert im Garten des Käthe-Kollwitz-Hauses lag gerade darin, daß das Genie hier nicht wissenschaftlich erklärt, daß es nicht vom Sockel gestoßen und neu zusammengesetzt wurde, sondern daß dem Menschen Beethoven eine Stimmer verliehen war – eine kraftvolle, bestimmte, welche zur Rezeptionsgeschichte gehört. Junge – trotz Hitze als feiner Herr mit elegantem Schmuckschal – fand sogleich ein Dreigestirn Beethoven-Goethe-Schiller – und wußte dies von anhand Texten, wie dem Schlußmonolog Egmonts oder Schillers in Dresden entstandene Verse der »Ode an die Freude«, zu beleben. Pianistin Lise de al Salle spielte mit Variationen über ein eigenes Thema aus den WoO 80 und den Sätzen der »Pathétique« diesmal die »zweite Geige«. Vielleicht hätte das Programm hier spontaner auf die Texte reagieren können? Ein Anklang an die emphatisch beschriebene Egmont-Ouvertüre wäre sicher willkommen gewesen.

Im Abendkonzert auf der Nordterrasse gab es zunächst einen guten alten Bekannten: Gioachino Rossini. Seine Sonate G-Dur wird gern von den Mitgliedern der Akademie gespielt, weil sie auch dem Kontrabassisten (an diesem Abend Janne Saksala) neben Violinen (Kevin Zhu und Mira Wang) und Violoncello (Andrei Ioniță) eine Position im Quartett zuweist. Nun legten also »die Großen« vor, wobei Zhu und Wang einen herrlichen Sängerwettstreit ausfochten, der durch die oft pizzicato gespielten Begleiter aufgelockert wurde – Rossini mit Sahnehäubchen quasi. Doch eine Violine (Wang) kann gemeinsam mit dem Cello auch wie ein Harmonium vibrieren und für überraschende Klangfarben sorgen.

Besucher der Probe am Donnerstag waren mit einem Beethoven-Quartett (Opus 18 Nr. 4) überrascht worden, das an diesem Abend erstmals gemeinsam von Kai Vogler und Nathan Meltzer (Violinen), Ulrich Eichenauer (Viola) und Christian-Pierre La Marca (Violoncello) gespielt wurde. In der Moritzburger Kircher geriet es dabei bereits verblüffend deckungsgleich in Tempi und Dynamik – ein mitreißender Energiestrom! Daß es noch besser geht, bewiesen die vier am Sonnabend. Die Synkopen waren noch ein wenig mehr gespitzt, die Crescendi noch ausgefeilter, doch traten sie als Verfeinerungen auf und nicht hervor, bleiben eingebettet. Auch bei Beethoven machen Pizzicati manches leichter, einzelne Effekte zu betrachten kam hier aber eigentlich gar nicht in Frage, zu ausgewogen war die Harmonie im Ganzen. Vogler und Eichenauer mögen als vertraute Partner eine sichere Basis gewesen sein. Nathan Meltzer orientierte sich merklich an seinem Primarius, was ihn nicht hinderte, seine Rolle prächtig auszufüllen.

Die einzigen Wermutstropfen kamen von außerhalb: eine Drohne hatte ihre Überflüge nach Beethoven glücklicherweise eingestellt, eine Party irgendwo am Waldesrand blieb Hintergrundgeräusch. Der Vordergrund jedoch war einnehmend und übertraf solche Ablenkung. Mit Johannes Brahms‘ Klarinettentrio A-Dur (Opus 114) hatte Wenzel Fuchs (Klarinette) seinen ersten Auftritt in diesem Jahr. Vor allem mit Jan Vogler (Violoncello) tauschte er sich in kantablen, süffigen Passagen aus, Alessio Bax (Klavier) umschloß beide als Begleiter, trat aber immer wieder als dritte Stimme hervor. Mit reichem Vibrato und einem körperreichen Ton umgarnten sich Cello und Klarinette, gaukelten, schwelgten, ließen das Adagio dunkel glühen, zeigten Brahms im Andantino grazioso von seiner charmantesten Seite. Solch mitreißendes Spiel durfte nicht einfach beendet werden – mit ein wenig »Gassenhauer« kehrte das Trio in der Zugabe noch einmal zum Jubilar zurück.

9. August 2020, Wolfram Quellmalz

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